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(de) Bundesweite Demonstration in Algermissen 16.11

From <aah@puk.de>
Date Mon, 28 Oct 2002 03:39:27 -0500 (EST)


Bundesweite Demonstration in Algermissen (bei Hildesheim)
Samstag 16. November
15.00 Uhr- Bahnhof
Sender: worker-a-infos-de@ainfos.ca
Precedence: list
Reply-To: a-infos-de

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      A - I N F O S  N E W S  S E R V I C E
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Deutsche Realitäten angreifen! 
Rassismus bekämpfen!

Algermissen. Ein ganz normaler deutscher Ort zwischen Hannover und Hildesheim. 

Ein Ort im Grünen und eine ganz normaler Ort in Deutschland. Auf den Straßen 
von Algermissen herrscht rassistische ?Betriebsamkeit?. Immer wenn gerade mal 
ein sogenanntes Volksfest auf dem Plan steht, werden rassistische Stammtisch 
Parolen in die blutige Tat umgesetzt. So wurde das örtliche Asylheim mehrmals 
von einem rassistisch aufgeheizten Mob angegriffen. 
Am Samstag dem 31.August wurde eine Gruppe von vier MigrantInnen von einer 
Horde von etwa 20 deutschen Jugendlichen, darunter vier erkennbare Nazis, auf 
dem Schützenfest angegriffen. Die Flüchtlinge wurden umzingelt, beschimpft und 
angepöbelt. Eine gaffende Menge sah diesem Schauspiel zu, ohne einzugreifen. 
Die Flüchtlinge flohen zurück in ihre Unterkunft, wurden jedoch von der Gruppe 
verfolgt und mehrfach geschlagen. Ein Flüchtling erlitt eine Verletzung am 
Arm, ein zweiter eine Platzwunde am Hinterkopf, die im Krankenhaus genäht 
werden musste. Die zu Hilfe gerufene Polizei schützte die Flüchtlinge vor 
weiteren Übergriffen, nahm jedoch keine Personalien der Täter auf. Lediglich 
die Personalien der betroffenen Flüchtlinge wurden registriert. Danach verließ 
die Polizei zunächst den Ort. 

Nachdem die Polizei weg war, kamen die Täter zurück und zerschlugen mehrere 
Scheiben der Unterkunft. Ein Flüchtling wurde durch einen Glassplitter im Auge 
getroffen. Von der erneut gerufenen Polizei verlangten die Bewohner nunmehr 
ultimativ eine Unterbringung in einer anderen Unterkunft, was von der Polizei 
jedoch abgelehnt wurde. Wenigstens wurde das Gebäude über Nacht von der 
Polizei bewacht. 

Am Sonntagabend dem 01. September 02 überfielen gegen 21 Uhr etwa 50, teils 
mit Eisenstangen bewaffnete Schützenfestbesucher erneut die Unterkunft. 
Diesmal handelte es sich nicht nur um Jugendliche, sondern auch um erwachsene 
DorfbewohnerInnen, die lauthals rassistische Parolen grölten. Einige 
BürgerInnen drangen in die - nicht abschließbare - Flüchtlingsunterkunft ein, 
zertrümmerten eine Zwischentür und versuchten, auch die abgeschlossenen 
Zimmertüren aufzubrechen, hinter die sich die in Angst und Schrecken 
versetzten Bewohner geflüchtet hatten. Auch als die Polizei eintraf, ließen 
sie nicht von ihrem Tun ab, sondern schlugen weiter gegen die Tür. Sie blieben 
mehr als eine Stunde im Haus. Die Polizei sah sich nicht in der Lage, zu den 
um Hilfe rufende Flüchtlingen in den ersten Stock zu kommen. Aus der Menge 
wurde die Polizei aufgefordert zu verschwinden und angegriffen, eine Person 
wurde daraufhin festgenommen. Erst nach mehr als einer Stunde verschwanden die 
Angreifer. 

Doch dieser pogromartige Überfall war kein Einzelfall. Im Frühjahr 2002 wurde 
ein Flüchtling vor seinem Zimmer ins Gesicht geschlagen und erstattete Anzeige 
gegen den Täter. Vor drei Monaten wurden sämtliche Wände innerhalb der 
Flüchtlingsunterkunft mit rassistischen und faschistischen Parolen sowie 
Hakenkreuzen besprüht, welche die Gemeinde beseitigen ließ, offenbar ohne 
Strafanzeige zu stellen. Im Sommer 2002 wurden tamilische Flüchtlinge von 
einem Mann, der einen in der Flüchtlingsunterkunft lebenden Obdachlosen 
besuchte, mit einer Gaspistole aufgefordert, ?ins Haus? zu gehen. Ständig hat 
es nach Aussage der tamilischen Flüchtlinge Drohungen und Beschimpfungen durch 
Besucher dieses Obdachlosen gegeben, die offensichtlich ungehindert in der 
Unterkunft ein- und ausgehen konnten. 
Die ?Stadtoberen? von Algermissen zeigen nun ihrerseits ?Toleranz? gegenüber 
den Flüchtlingen, indem sie ihren BürgerInnen mit der Parole ?Ausländer raus? 
Recht geben und ihrerseits ?das Problem? aus dem Ortskern entfernen möchte. 
Wörtlich: ?Um die Situation, falls sie noch so sein sollte, zu entschärfen, 
wird beabsichtigt, diesen Personenkreis dezentral im Gemeindegebiet mit 
Wohnraum zu versorgen.? Ein Mitarbeiter der ?Ausländerbehörde? kommentierte 
die Überfälle wie folgt: ?die Betroffenen könnten ja zurück nach Sri Lanka 
gehen? Algermissen, eine ganz normaler deutscher Ort im Grünen.

Rassismus fällt nicht vom Himmel, sondern kommt aus der Mitte der Gesellschaft

Rassismus fällt nicht vom Himmel, sondern ist ein fester und gewollter 
Bestandteil dieser Gesellschaft. Mit Kampagnen wie "Kinder statt Inder", BILD-
Zeitungsartikeln à la "Der schlimmste und der ärmste Asylant" und der endlosen 
Debatte um ein "Zuwanderungsgesetz" sowie der Stimmungsmache konservativer und 
faschistischer Kreise wird ein rassistisches Klima gefördert, in dem es 
möglich ist, vorhandene Ressentiments blutig umzusetzen. 

Das "neue Deutschland" im Zeichen des Rassismus tat seine ersten Schritte in 
Rostock, Hoyerswerda, Dolgenbrodt, Wurzen, manifestiert sich jetzt auch in 
entschlackter Form in Algermissen. Der deutsche Mob setzt die bürgerliche 
Definition der ?Schicksalsgemeinschaft aller Deutschen? durch rassistische 
Vertreibung beflissen in die Tat um. Dabei erweisen sich organisierte Neonazis 
und rassistische Schläger als Handlanger des deutschen Biedermanns.
Der rassistische Terror hat heute einen anderen Hintergrund als vor zehn 
Jahren. Rassismus besteht aus Ressentiment plus Rentabilitätserwägung. In 
nationalem Übermut konzentrierten sich die Konservativen in den neunziger 
Jahren auf die Beförderung des Ressentiments - vor allem gegen Flüchtlinge. 
Dabei gingen sie allerdings so weit, dass deren Ausbeutung erheblich erschwert 
wurde. Selbst CSU-Funktionäre fingen an, über eben jenen Mangel an 
Billiglöhnern in ihren Hotelküchen zu lamentieren, den sie durch 
Massenabschiebungen selbst verursacht hatten. Rassismus wurde zum 
kostspieligen Vergnügen. Rot-Grün hingegen forciert den Rentabilitätsaspekt 
und betont die Ausnutzbarkeit der Einwanderer. Hier preschte die Regierung 
allerdings mit der Green-Card-Regelung so weit vor, dass sich nunmehr der 
völkische Pöbel beleidigt fühlte und die rassistische Balance selbsttätig 
wieder herzustellen versucht. Gegenwärtig übernimmt also der Mob das 
Ressentiment und die Elite die Rendite. Frei nach dem Motto: getrennt 
schlagen, vereint diskriminieren.

Auch wenn die Interessen von Elite und Mob sich zuweilen widersprechen - in 
der Umsetzung rassistischer Ideologie ergänzen sich beide prächtig. Die neue 
globale Weltordnung und lokale faschistoide Schläger sind somit nur zwei 
Seiten derselben Medaille. Die hiesigen Völkischen müssen daher als höhnische 
Karikaturen der neoliberalen Utopien der Neuen Mitte begriffen werden und als 
deren konsequente Vollstrecker. Was sie seit Jahren brutal exekutieren, ist 
nichts anderes als die eigentliche Botschaft des derzeit überall verbreiteten 
Toleranzgefasels. Dessen Tenor ist, dass blanker Mord wohl etwas überzogen sei 
und den Standort schädige.

Blanker Hohn also, wenn sich eine rot/grüne Regierung, als ?Weltoffen? 
und ?Tolerant? präsentiert. Geht es doch letztlich darum, nur ?verwertbare? 
und ?nützliche? Arbeitskräfte zu rekrutieren. Letztendlich dreht es sich um 
die Verwertung des Menschen im Kapitalismus und da stehen nun mal die 
MigrantInnen mit an letzter Stelle.

Wenn nun der oder die Vorurteilsbeladene annehmen darf, daß die Obrigkeit 
genauso denkt wie er/sie oder dass alle irgendwie so denken wie man selbst, 
verdichtet sich das Vorurteil zur Gewissheit. In diesem Kontext wirken Staat 
und Gesellschaft als Manipulatoren der Gewaltentladung. 

Nicht zu vergessen ist auch, über Fluchtursachen und Migration nachzudenken. 
Im Zeichen marktstrategischer kapitalistischer Globalisierung, deren 
Auswirkung die Verreicherung der 1. Welt und die Verarmung der sogenannten 3. 
Welt ist, wird überhaupt Migration produziert. Denn wo es Krieg gibt, wo der 
Hunger und Elend einen in den Wahnsinn treiben, ist Flucht oder Emigration die 
einzige Möglichkeit zum Überleben!


Kein Anfang vom Ende

Unsere Absicht ist es nicht, Algermissen zu rehabilitieren . Wir wollen keinen 
Zirkus des sogenannten Aufstand der Anständigen veranstalten. Es geht uns 
vielmehr darum, Rassismus als eine Form der Widerwärtigkeit der herrschenden 
Politik zu entlarven. Es wird noch hunderte Orte wie Algermissen geben, in 
denen ein rassistischer Mob zuschlagen kann und Erfüllungsgehilfe des 
völkischen Mainstreams sein wird.
Grundsätzlich bedeutet dies, den Kapitalismus im Ganzen, als eine mörderische 
Form der Unterdrückung, zu entlarven.

Realitätsnah, ohne die Perspektive einer sozialen Revolution, bedeutet dies 
aber auch, sich mit den Flüchtlingen zu solidarisieren und sie vor dem Mob von 
StammtischtäterInnen, Nazis und Stadt zu beschützen. Diese Demonstration soll 
nicht der Anfang vom Ende sein, sondern vielmehr der Anfang vom Aufbau 
progressiver Kräfte. Denn nur durch die Stärkung ländlicher antirassistischer 
und antifaschistischer Strukturen ist zumindest ein gewisser Schutz vor 
Pogromen gewahrt.

Ebenfalls soll die Stadt Algermissen zu einem deutlichen Schutz der 
MigrantInnen gezwungen werden, da wir sonst die Stadt mit einer Vielzahl von 
Aktionen übersähen werden.

Antirassismus muss praktisch werden!
Für den Aufbau antifaschistischer Strukturen! 

Demonstration in Algermissen (bei Hildesheim)
Samstag 16. November
15.00 Uhr- Bahnhof

Aufrufende Gruppen:
Antifaschistische Aktion Hannover [AAH], Schwarze Strolche -Jugendantifa-, 
Unabhängige Antifa Wunstorf, Antifaschistisches Plenum Braunschweig, Jugend 
Antifa Aktion Braunschweig, Autonome Antifa (M) Göttingen, Antifa Wennigsen, 
Aktionsbündnis "Langenhagener Gegen Rechte Gewalt", Autonome Antifa Gruppe 
Bremen (AAGB), Antifaschistisches Komitee (AK) Bremen

Die Demonstration wird unterstützt durch:
Gruppe M.A.D. Hannover, Kooperative Flüchtlings Solidarität, VVN-BdA Hannover, Antifaschistische Aktion Lüneburg/Uelzen, 
Antifaschistische Aktion Hamburg/Harburg, Autonome Antifa Bad Nenndorf, yafago 
Erfurt, Autonome Antifa Südharz, Autonome Jugend Antifa Kassel, Autonome 
Antifa Kassel, Linksruck Hannover

[Aktueller Stand: 24.10.02] 


 





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