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(de) 13.Oktober - Jahrestag der Hinrichtung des libertären Pädagogen Ferrer

From worker-ainfos-de@a-infos.ca
Date Sun, 13 Oct 2002 13:30:55 -0400 (EDT)


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      A - I N F O S  N E W S  S E R V I C E
            http://www.ainfos.ca/
        http://ainfos.ca/index24.html
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13.Oktober - Jahrestag der Hinrichtung des 
libertären Pädagogen Francisco Ferrer y Guardia
(1849 - 1909)


Der 1849 in der Nähe von Barcelona (Spanien) geborerene Francisco Ferrer 
y Guardia gründete dort 1901 die "Escuela Moderna", die  "Moderne Schule". 
Nach anti-autoritären und weltlich-rationalen Prinzipien des Unterrichtens 
durch Verstehen wandte er sich gegen das von den Katholiken streng geführte 
bestehende Schulsystem. Er organisierte sogar am 12.April 1906 (Karfreitag) 
eine Grossdemonstration für die weltliche Erziehung, wovon sich die 
spanischen Behörden provoziert fühlten. Ausserdem lebte Ferrer ab 1905 mit 
Soledad Villafranca zusammen, die Lehrerin in der "Modernen Schule" ("Escuela 
Moderna") und 22 Jahre jünger als er war. Am 31.Mai 1906 sprengte ein junger 
Mann namens Mateo Morral die Hochzeitsfeier des Königs Alfonso XIII. mit einer 
Bombe. Morral arbeitete in Ferrers Verlag und die Polizei spekulierte, dass 
Ferrer ihn dazu ermutigt hatte, das Attentat zu verüben. Ferrer, dem schon 
zweimal ein politisches Attent vorgeworfen worden war, wurde nun am 04.Juni 
1906 fesrgenommen und in das Gefängnis "Carcel Modelo" nach Madrid gebracht. 
Doch erst ein Jahr später, am 12.Juni 1907, wurde er wegen Mangel an Beweisen 
wieder freigelassen.

Während dieser Kerkerhaft musste die Moderne Schule geschlossen werden - 
sie wurde nie wieder eröffnet.  Nach Ferrers Freilassung lehnte die Radikale 
Partei eine Weiterführung der Zusammenarbeit mit ihm ab, da die Vorwürfe, die 
zu seiner Verhaftung geführt hatten, überall bekannt waren. Gesellschaftlich 
isoliert kehrte Ferrer mit C. A. Laisant, L. Descartes, Eugenio Fourniere, 
C. Malato, A. Naquet, und Sembat nach Paris zurück. Mit der Absicht die 
in Spanien begonnene Arbeit weiterzuführen, gründeten sie die "Internationale 
Liga für die rationale Erziehung von Kindern". Im Jahr 1908 begann Ferrer 
mit der Herausgabe des Magazins "L'Ecole Renovee", die den Informationsaustausch 
zwischen den europäischen Lehrenden fördern sollte. Ausserdem wurde sein 
Rundbrief "Boletin de la Escuela Moderna de Barcelona" weiterhin publiziert. 
Doch bald musste Ferrer feststellen, dass er den direkten Kontakt zu 
Erziehungsbewegung in Spanien verloren hatte. Sein anfängliches Interesse 
am Anarchosyndikalismus liess nach und er begann sich mehr und mehr der 
katalanischen Arbeiterbewegung zu widmen. 

Nach der Niederlage Spaniens im Krieg gegen Amerika, musste die ehemalige
Klonialmacht die letzten Gebiete in Übersee abgeben: Kuba, Costa-Rica und die
Philippinen. Unter König Alfons XIII. wurde daraufhin versucht den
Einflussbereich auf Nordafrika verlagern, indem Marokko den Kolonialverlust
ausgleichen sollte. Für den verlustreichen Krieg gegen die nordafrikanischen
Berber (Ryf-KabylInnen) wurden in der nordost-spanischen Provinz Katalonien
Reservisten verpflichtet. Das betraf vor allem die Arbeiter, die kein Geld
hatten, um sich vom Militärdienst freizukaufen.

Im Juli 1909 schliesslich überschlugen sich die politischen Ereignisse in
Spanien. Spontane Proteste brachen auf den Strassen aus und mündeten in einem
massiven Generalstreik. Die revolutionären Anführer fürchteten sich vor der
Grösse der Bewegung und verloren unvorbereitet ihre Autorität über die Massen.
Nach fünf Tagen wurde die Revolte, in deren Verlauf 22 Kirchen 
und 34 Klöster angezündet worden waren, von Innenminister La Cierva blutig
niedergeschlagen, der 175 Arbeiter 
erschießen ließ. Der Aufstand in Katalonien, der einer zahlreichen Streiks und
Revolten war, mit denen die Menschen für bessere  Arbeits- und Lebensbedingungen
kämpfte, wurde als die "´Tragische Woche" bekannt. 

Am 28.Juli 1909 wurde das Kriegsrecht über Spanien verhängt und die brutale
militärische Repression wurde noch bis September weitergeführt. Alle, die der
Regierung verdächtig erschienen, wurden festgenommen. Francisco Ferrer wurde
Ende September aufgegriffen, in der berüchtigten Festung Montjuch in Barcelona
inhaftiert und in einer hastig einberufenen Gerichtsverhandlung des Umsturzes
angeklagt.  Obwohl er kaum etwas, wenn überhaupt, mit dem Aufstand zu tun hatte,
wurden gegen ihn falsche Beweise und erpresste Geständnisse angeführt. Die
Regierung glaubte noch immer, dass Ferrer an dem Anschlag auf ihren König
verwickelt war und wollte sich dafür rächen. Schliesslich wurde er zum Tod durch
Erschiessen verurteilt. 

Da Ferrer ein international bekannter Reformpädagoge war, wurde das Todesurteil
in Nordamerika und Westeuropa zu einem Skandal. In Grossbritannien protestierten
George Bernard Shaw, H.G. Wells und Arthur Conan Doyle gemeinsam mit Pjotr
Kropotkin und anderen AnarchistInnen gegen die Hinrichtung. Vergeblich. Am 13.
Oktiober 1909 wurde Francosco Ferrer y Guardia hingerichtet und dadurch wurde er
einer der berühmtesten spanischen Anarchisten. 

Nach seiner Ermordung wurden zahlreiche Ferrer-Schulen in der Schweiz,
Österreich, Deutschland, Frankreich und Italien gegründet. In Spanien selbt
entstanden bereits in den folgenden 8 Jahren etwa 60 Schulen, die sich auf die
Konzeption von F. Ferrer beriefen. Heute gilt er zu recht als einer der
bekanntesten Gründer der staats- und religionslosen Alternativschulbewegung und
einer der grundlegensten Vordenker der libertären Pädagogik.



Übersetzung der biographischen Angaben zur "Sammlung Francisco Ferrer", 
die zusammengetragen wurde von seiner Tochter Sol Ferrer Sanmarti
(Francisco Ferrer Collection, Mandeville Special Collections Library
University of Califormia, San Diego, USA)
http://orpheus-1.ucsd.edu/speccoll/testing/html/mss0248d.html


Weiterführende Infos:

Pierre Ramus: "Francisco Ferrer - Die moderne Schule." 
Packpapier Verlag, Osnabrück o.J., 32 S. 
http://www.packpapier-verlag.de

Anarchy Archives (engl.) zu Ferrer:
http://dwardmac.pitzer.edu/Anarchist_Archives/bright/ferrer/ferrer.html

zwei englischsprachige Websites zu Ferrer:
http://www.geocities.com/Athens/Acropolis/5422/
http://www.punkerslut.com/articles/franciscoferrer.html

Spanischer Text der "Fundación Anselmo Lorenzo" 
über Ferrer aus der Zeitung der anarchosyndikalistischen CNT
http://www.periodicocnt.org/272oct2001/vidaconfederal/archivos/vc02.htm
http://www.periodicocnt.org
Confederación Nacional del Trabajo (CNT-AIT) http://www.cnt.es
Internationale ArbeiterInnen-Assoziation (IAA bzw. AIT) http://www.iwa-ait.org


Kleine Literaturliste zu libertärer Pädagogik:

Markus Heinlein: "Klassischer Anarchismus und Erziehung. 
Libertaere Paedagogik bei William Godwin, Michael Bakunin und Peter Kropotkin." 
Würzburg: Ergon-Verlag 1998. 348 S. kart. 
Reihe: Erziehung, Schule, Gesellschaft; Band 17.

Gerhard Kern: "Libertäre Anti-Pädagogik"
Verlag Klemm & Oelschläger 1998, 44 S., 
http://www.gerhardkern.de/antipaed.htm

Ulrich Klemm: "Anarchisten als Pädagogen. Profile libertärer Paedagogik." 
Frankfurt/M.: Verlag Edition AV, 2002. 117 Seiten
http://www.generell.de/editionav88/ 

Diedrich Peters: "Libertäre Alternativen zur Staatsschule. 
Geschichtliche Bezüge zwischen Alternativschulbewegung und 
libertär-sozialistischen Bewegungen von den Frühsozialisten bis heute. 
Verlag Flugschriften 1988, 232 Seiten
bestellbar bei http://www.anares.org


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