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(de) Argentinien: Eine Lektion in Anarchismus (CNT-AIT, Combat Syndicaliste #73)

From worker@ainfos.ca
Date Tue, 1 Oct 2002 15:29:01 -0400 (EDT)


Seit letzten Winter greifen die BewohnerInnen Argentiniens den Staat an und 
machen seine KomplizInnen von links und ganz links lächerlich. Sie verändern 
den Kapitalismus und schaffen Generalversammlungen in einem solchen Umfang, 
wie es sie seit 1936 (in Spanien) nicht mehr gegeben hat. Und das alles ohne, 
dass ein Anführer sich blicken lässt. Sie haben sich entschlossen freiheitlich 
gegen Staat und kapitalistischen Terrorismus zu kämpfen. In [dem Regierungssitz] 
Buenos Aires haben sich die EinwohnerInnen in Nachbarschafts-Vollversammlungen 
selbst organisiert und versuchen ihr Leben zu kontrollieren.
Sender: worker-a-infos-de@ainfos.ca
Precedence: list
Reply-To: a-infos-de

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Was auch immer das Ergebnis sein wird, diese Bewegung hat bereits die alten 
ideologischen Formen durchbrochen, indem sie zwei ihrer Vorteile verwirklichte: 
direkte Demokratie und Verweigerung staatlicher Institutionen (welche nun 
auch für den internationalistischen Klassenkampf gelten werden). (1)

Diese neue Situation der internationalen Revolution sollte AnarchistInnen 
erfreuen. Aber in Frankreich [und Deutschland] ist die anarchistische 
Bewegung, wie überall, zu sehr in Praktiken gefangen, die ihre Anfälligkeit 
gegenüber der Ideologie des Mainstream aufzeigt: die Teilnahme am 
Antiglobalisierungs-Spektakel, der Reformismus am Arbeitsplatz im Namen 
einer „wirkungsvollen Gewerkschaftsarbeit“, pathetische Allianzen mit 
National-Regionalisten hier und mit Linken dort... Es wird Zeit, wenn wir 
wirklich am Aufbau einer anderen, einer freien und gerechten Gesellschaft 
mit eigenen Vorschlägen teilnehmen wollen, dass wir zurück zu unseren 
Ursprüngen gehen - einer Praxis, die mit ihren Ideen übereinstimmt, einer 
horizontalen Praxis, die selbstbestimmt und nicht spektakulär ist. Die 
Ereignisse in Argentinien erteilen AnarchistInnen auf der ganzen Welt 
eine Lektion darin.

Überraschende Standpunkte einiger linker Libertärer (AnarchistInnen)

Am 20. Dezember 2001 kämpfte die Bevölkerung gegen den Staat und es verbündeten 
sich die Ärmsten mit der Mittelklasse. Diese Allianz ist hauptsächlich das 
Ergebnis einer verfehlten politischen Planung.

Am Anfang wollte die Mittelklasse bloss ihre Ersparnisse zurück und kümmerte 
sich nicht um die Not anderer. Gleichzeitig mussten die Ärmsten verhungern 
und es gab wochenlang Plünderungen. Die Regierung bereitete einen neuen 
Schlag vor, um die Interessen des internationalen Kapitalismus zu bewahren. 
Sie war bereit sich selbst als die Verteidigerin der Ordnung gegen die 
„Anarchie“ darzustellen. Die Regierung dachte, dass die Mittelklasse schon 
auf dem rechten Weg bleiben und diesen Tausch annehmen würde - zwar ruiniert 
zu sein, aber ohne Unsicherheiten. Der Eckpfeiler dieser Strategie, die Ausrufung 
des nationalen Notstandes, hatte jedoch eine entgegengesetzte Wirkung - 
die Vereinigung aller Unzufriedenen wurde dadurch erst besiegelt. Der Grund
 dazu ist einfach: In Argentinien verstehen eine unglaubliche Anzahl Leute, 
wie das System funktioniert und beschlossen es zu beenden und mit ihm alles, 
was das System repräsentiert. Daher gab es direkt nach dem 20 Dezember 2001 
diese Verweigerung gegenüber allen politischen Parteien und [hierarchische] 
Gewerkschaften. Diese Zurückweisung brachte erstaunliche Stellungnahmen aus 
Teilen der anarchistischen Bewegung hervor. Die [libertär-sozialistische O
rganisation] OSL aus Argentinien erklärte dazu:
„Aber sicherlich war die komplette Ablehnung politischer Parteien eine der 
charakteristischen Eigenschaften der Demonstration (vom 20.Dez. 2001). Diese 
von den Medien geförderte Einstellung spielte der Desorganisation und Spaltung
 in die Hände, was die Rechten begünstigte.“

Diese Stellungnahme wurde von OSL Schweiz und von anderen Medien der 
AnarchistInnen, wie „Alternative Libertaire“ in Frankreich und „Tierra y 
Libertad“ [3] in Spanien kommentarlos weiterverbreitet. Dies ist eine 
entsetzliche Verteidigung des Parlamentarismus. Sie unterstützt die 
konterrevolutionäre Idee, dass Massenbewegungen ohne einen politischen 
Apparat und ohne [hierarchische] Gewerkschaften nicht existieren könnten!

Was war am 20. Dezember 2001 passiert? Die Massen waren auf den Strassen, 
der Staat wurde überwältigt, Parteien und [hierarchische] Gewerkschaften 
abgelehnt. Die Polizei tötete einunddreissig Personen und überall gab es 
jede Menge Verwirrung. Sollten wir vor einem solchen Durcheinander Angst 
haben? Alle revolutionären Bewegungen sind gezwungen sich angesichts der 
Widersprüche jener Menschen zu organisieren, die die Revolution vorantreiben. 
Es ist die Rolle der einzelnen anarchistischen AktivistInnen hart daran zu 
arbeiten und alle Möglichkeiten einzusetzen, um die unterdrückten Klassen 
gegenüber Staat und Kapitalismus klar herauszustellen und unter einem 
freiheitlich-kommunistischem Blickwinkel zu vereinigen.

Wie sollten die Parteien und [hierarchische] Gewerkschaften eine Rolle in dieser 
revolutionären Aufgabe spielen? Was soll es bringen die Probleme in Begriffen 
von „links“ und „rechts“ aufzuteilen, wenn sie klar durch „Revolution“ und 
„Konterrevolution“ beschrieben werden können. Im Gegenteil, wir danken den 
Einwohnern Argentiniens dafür, dass sie diesen ersten notwendigen, diesen 
wahrlich revolutionären Schritt, getan haben.

Klärungen

In Argentinien gibt es einige „militante AnarchistInnen“, die die Denkweise 
derjenigen linken Gruppen teilen, die bereit sind jeden Versuch massenhafter 
Selbstorganisation zu untergraben.

Im Gegensatz dazu nehmen die Anarchistische Föderation Argentiniens, die
 F.O.R.A. [4] und andere Militante die positiven Aspekte dieses Kampfes wahr. 
Bereits im Januar 2000 beschrieb die „Organizacion Obrera“ [5] in einem 
Papier die Hauptaspekte des Kampfes. [Hierarchische] Gewerkschaften und linke, 
sowie linksextreme, Politiker wurden darin klar als Feinde der ArbeiterInnen 
blossgestellt. Dass die Bevölkerung sie zurückweist sei ein ermutigendes 
Zeichen. „Organizacion Obrera“ besteht darüber hinaus auf der Sebstbestimmung 
anarchistischer Konzepte und Methoden. Es wird daran erinnert, dass wenn der 
Staat und die Institutionen eine Situation, wie die in Argentinien, als 
„Anarchie“ bezeichnen, es sich eben nicht um Anarchie handele! Was passiere, 
sei lediglich ein Schritt zum Verfall der Macht. In Wirklichkeit aber sei das 
Chaos von Staat und Kapitalismus verursacht worden und nicht durch 
anarchistische Ideale.

Die AnachosyndikalistInnen in Argentinien wissen, dass diese Periode wichtig ist, 
aber dass die Leute noch eine Menge zu tun haben, um eine Gesellschaft auf 
sozialer und freiheitlicher Grundlage zu organisieren. Daher werden sie 
fortfahren ihr Vorhaben zu verwirklichen.

„Wir AktivistInnen der F.O.R.A. sind eine Organisation von ArbeiterInnen, die 
als gesellschaftliches Ziel den anarchistischen Kommunismus haben. Und das 
heisst nicht, dass wir den ganzen Tag lang Fensterscheiben einschlagen. Das 
sagen aber die LügnerInnen um ihr wirtschaftliches Wohlergehen und ihre 
politische Macht zu beschützen. Im Gegensatz dazu bedeutet Anarchismus 
eine neue Gesellschaft, die horizontal strukturiert ist, ohne dass die 
einen gegenüber anderen bevorteilt werden. Und wo alle in freien Versammlungen 
die wirtschaftliche und alltägliche Richtung bestimmen können. Eine solche 
Gesellschaft ist nur möglich, wenn die gesellschaftliche und wirtschaftliche 
Gleichheit aller Personen in dieser Gesellschaft als Rahmenbedingung erfüllt 
ist...“

In der gleichen Veröffentlichung machte ein Artikel Vorschläge für die Schaffung 
allgemeiner Ortsversammlungen und eines Treffens von Nachbarschafts-Delegierten, 
die beauftragt und abrufbar sind, um gemeinsam mit örtlichen, regionalen und 
internationalen Beauftragten (alle jederzeit abrufbar) die Kontrolle über die 
Produktion und den Konsum durch diese Versammlungen zu ermöglichen.

Lehren für die Zukunft

Diese Vorschläge stimmen nicht nur mit unseren Ideen überein, sondern sie 
spiegeln die Wirklichkeit wider. Hier der Beweis. Zur gleichen Zeit als die 
Mittel der F.O.R.A. nur eine vertrauliche Weiterverbreitung solcher Ideen 
ermöglichten, entdeckten bzw. erfanden die BewohnerInnen Argentiniens eine 
praktische Vorgehensweise, die mit den Vorschlägen der F.O.R.A. vergleichbar
 ist. Bald darauf, am 20. Februar 2002, erschien in [der französischen Zeitung] 
„Le Monde“ eine Meldung, dass „in Buenos Aires die Bewohner 
Nachbarschaftsversammlungen organisieren. (...) ‘Alle müssen gehen!’ Dieser 
Slogan betrifft Politiker, Richter, Banker und Gewerkschafter. (...) Jeden 
Sonntag treffen sich die verschiedenen Nachbarschaftsdelegationen zu 
Generalversammlungen, in denen Sprecher über die Arbeit in den jeweiligen 
Nachbarschaften informieren und Vorschläge für neue Kämpfe vortragen... 
Alle Entscheidungen werden durch das Heben der Hände abgestimmt, kein Redner 
darf im Namen einer Partei sprechen und es gibt eine systematische Ablösung 
der Delegierten.“

Andere Berichte beschreiben die Schwierigkeiten von PolitikerInnen und 
Gewerkschaftsfunktionären, die gezwungen sind, sich zu verkleiden, um 
überhaupt auf die Strasse gehen zu können. Sicher, wir können uns all die 
Angst vorstellen, die so etwas bei den Möchtegern-Führern auslöst!

Die BewohnerInnen Argentiniens führen einen unglaublichen Kampf. Aber wir 
sollten unseren Optimismus dämpfen - aus vielen Gründen. Der wichtigste ist, 
dass jene, die üblicherweise stark genug sind sich als HelferInnen der 
Unterdrückten darzustellen, obwohl sie nur deren Zuhälter sind, bereits 
versuchen in die Strukturen an der Basis einzudringen, sie zu unterwandern 
und zu bestechen. Dies tun sie, indem sie die vielfältigen Widersprüche und 
Schwierigkeiten hervorheben, mit denen die Menschen alltäglich zurechtkommen 
müssen. Denn die Praxis der direkten Demokratie ist nicht einfach. Besonders 
nicht, wenn die nötigen gesellschaftlichen Bedingungen, wie die gemeinsame 
Wiederaneignung der Produktionsmittel, noch nicht umgesetzt sind.

Die Verbrecher in Bürgertum, Politik und [hierarchische] Gewerkschaften machen 
eine schwere Zeit durch. Sie warten ab. Wenn die Kämpfe nachlassen, wenn jene, 
die arbeiten müssen um zu Überleben, müde werden oder wenn sie zurückgehen um 
ihr tägliches Essen zu erarbeiten, dann wird es den Verbrechern wieder möglich 
die Macht zu übernehmen und den Kapitalismus wiederanzukurbeln. Bis zu dem 
Tag an dem die ProletarierInnen der Welt, angeregt von den Ereignissen in 
Argentinien, die nötigen Massnahmen ergreifen werden, um die wirtschaftliche 
Sklaverei abzuschaffen.

Yvon

(1) Diese Ereignisse erinnern an jene in Algerien im April 2001 nach der 
Ermordung eines jungen Mannes durch die Polizei. „Der besonders herausragende 
Aspekt des algerischen Aufstands ist die Selbstorganisation. Die Feindschaft 
gegenüber politischen Parteien und jeder ‘Nähe zur Macht’, das Misstrauen 
gegenüber allen unkontrollierten Vertretungen, die Verweigerung wieder einmal 
das Fussvolk für politische Pläne zu sein; all das brachte die Verbreitung und 
Zusammenarbeit der Dorf- und  Nachbarschaftsversammlungen hervor, die schnell 
von allen als der einzige gültige Ausdruck der Bewegung angesehen wurde.“ 
(Jaime Semprun, „Plaidoyer pour l’insurrection algerienne [„Plädoyer für den 
algerischen Aufstand“], in: Encyclopedie des nuisances)
[2] frnz. = „Libertäre Alternative“
[3] span. = „Land und Freiheit“
[4] „Federacion Obrera Regional Argentina“ (span. = “Regionale 
ArbeiterInnen-Föderation“ Argentinien), Mitglied der „Internationalen 
ArbeiterInnen-Assoziation (IAA)“
[5] span. = „Arbeiterorganisation“

Dieser Artikel ist entnommen aus „Combat Syndicaliste #73 (Apri/Mai 2002), 
der Zeitschrift der Confederation National du Travail (CNT), Sektion der Internationalen ArbeiterInnen-Assoziation (IAA) in Frankreich.

Übersetzung aus dem Englischen:
eduCAT - anarchistisches Bildungs- und Kultursyndikat
c/o Buchladen Le Sabot, Breitestr. 76, 53111 Bonn, Germany

Kontakte:

F.O.R.A.:
c/o Coronel Salvadores 1200, 1167 Buenos Aires, Argentina, fora5congreso@hotmail.com

CNT
BP 352, 75526 Paris, Cedex 11, France, cntait@wanadoo.fr, http://www.cnt-ait.info

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Sekreteriat, Boks 1977 Vika, 0121 Oslo, Norway, secretariado@iwa-ait.org, 
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