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[LPA vor Ort] (de) Das war s - Social Forum 2002

From ralf@anarch.free.de (Ralf Landmesser)
Date Fri, 15 Nov 2002 06:35:20 -0500 (EST)


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## Nachricht vom 11.11.02 von LPA Berlin  [lpa@free.de]


Abschlussbericht vom Social Forum und Ausblick

8. November:

Die TeilnehmerInnenzahlen erreichten die Hoehe von 40.000 Leuten. Die
VeranstalterInnen hatten mit 35.000 gerechnet. Als Folge des Andrangs wurde
zeitweise das Forte, wo die Konferenz und ein Teil der vielen Workshops
stattfanden, geschlossen.
Die Beteiligung an den Gegenaktivitaeten war hingegen sehr mager und
verteilte sich auf die A-Szene rund um das Buero der MAF (Movimento
Anarchico Fiorentino) im Zentrum, das unabhaengige Mediencenter rund um  
Indymedia und den Aufenthaltsort der Disobdiences (Bewegung, die sich  
groesstenteils aus ehemaligen "Tute Bianche" zusammensetzt und den aktiven  
zivilen Ungehorsam lebt).
Aus dem alternativen Mediencenter heraus kam es zu einer Spontandemo von
ca. 100 Leuten am fruehen Nachmittag, deren erklaertes Ziel es war, ohne
Eintrittskarte in das Forte zu kommen und linksradikale Inhalte zu
propagieren. Das Vorhaben scheiterte und blieb auch augenscheinlich der
einzige Versuch die TeilnehmerInnen des ESF zu erreichen.
Ein paar andere AktivistInnen versuchten in einem Supermarkt eine symbolische
Umverteilungsaktion durchzufuehren. Die Folge waren zwei Festnahmen wegen
Diebstahls und eine somit ebenfalls misslungene Aktion.
Aus dem alternativen Mediencenter lief waehrend der Proteste ein
Piraten-TV-Sender, der mehr oder weniger die ganze Zeit Bilder von den
Protesten in Genua sendete und somit dem Klischee der linksradikalen Szene
alle Ehre machte. Ebenfalls auf Sendung ging ein alternativer Radiosender  
und berichtete ueber die kaum stattfindenen Gegenaktivitaeten.
Abends fand in ausgelassener Stimmung eine Party in den Raeumen des
Mediencenters statt.

Spannend fuer die linksradikale Bewegung duerfte die Diskussion ueber
die Beteiligung und Rolle der NGOs im Rahmen des neuen Herrschaftskonzeptes
"Global Governance" sein, ueber das sich die NGOs in diesem Rahmen - allen
voran ATTAC - Gedanken gemacht haben. Hier waere eine fundierte
Herrschaftskritik von anarchistischer und linksradikaler Seite,
die bisher zumal in der deutschen Linken noch viel zu wenig laeuft, und  
eine dementsprechende Gegenaktivitaet noetig.

9. November
Die Grossdemonstration zum Abschluss des Social Forums war eine grosse
Bestaetigung fuer das ESF. Nach Polizeiangaben nahmen 500.000, nach
Pressemeldungen 750.000 und nach VeranstalterInnenangaben ueber eine Million
Menschen an der Anti-Kriegsdemo teil. Die Strecke der Demo fuehrte aus der  
Innenstadt heraus zum Campo di Marti, einem Sportstadium in einem  
Randbezirk von Florenz. Die Polizei zeigte bei der Demonstration kaum  
Praesenz - weder an den Seiten noch in den Seitenstrassen sah mensch  
Polizeikraefte, die allerdings im Hintergund unsichtbar in Bereitschaft  
standen. Auch die Geschaefte schienen nicht von der Medienhetze in Angst  
versetzt zu sein - nur ein paar Banken und McDonald-Filialen hatten sich  
unnoetigerweise verbarrikadiert. Waehrend des ganzen Demonstrationszuges  
kam es zu nicht einer nennswerten Sachbeschaedigung, nicht eine Scheibe  
ging zu Bruch.
Der heraufbeschworene Schwarze Block existierte auf der Demo nicht. Am Rande
bemerkt: auch der anarchistische Block war kaum wahrzunehmen. Gerade mal
40-50 Leute reihten sich in den "Block" von FAI (Federazione Anarchica  
Italiana) und USI (Unione Sindicale d Italia - Anarch@syndikalistInnen)  
ein. Das lag weniger an der fehlenden libertaeren Praesenz als daran, dass  
die Leute nicht zueinander fanden und vereinzelt in der Riesenmenge  
mitschwammen.
Die Demonstration selbst war ein Fahnenmeer aus roten und Regenbogenfahnen
der Friedensbewegung. Stark praesent war auch die Solidaritaetsbewegung
fuer Palaestina. Die Darstellung des Konfliktes zwischen dem Staat Israel
und den PalaestinenserInnen verlief allerdings erschreckend unreflektiert  
und war mit antisemitischen Stereotypen durchsetzt.
Von PassantInnen und AnwohnerInnen wurde die Demo freudig begruesst - es  
wurde Wein an DemonstrantInnen verteilt, gewunken oder bei Liedern wie  
"Bella Ciao" mitgesungen. Zum Abschluss der Demonstration gab es vor dem  
Stadium ein grosses Konzert.
Ebenfalls ein Konzert hatte die MAF in der Innenstadt mit einem
italienischen Liedermacher - A. Lega - organisiert, der anarchistische
Chansons zum besten gab. Als Kontrastprogramm spielte eine HC-Punkband.

10. November
Der grosse Abreisetag wurde von linksradikaler Seite noch einmal zur
Reflektion genutzt. Im alternativen Mediencenter kam es zu einer Diskussion,
warum die Taktik von Gegenveranstaltungen nicht aufging und inwieweit es  
sinnvoller gewesen waere sich beim Forum einzubringen. Die Meinungen, der  
etwa 50 Anwesenden blieben gespalten. Einig war mensch nur, dass  
Selbstverwaltung staerker propagandiert werden muss.

Nachbetrachtung
Das Social Forum zeigte an Hand der grossen Beteiligung von Jugendlichen,
dass es offenbar ein reges Interesse fuer eine Politik jenseits der  
bestehenden Parteienstrukturen gibt. Das Aufzeigen von moeglichen  
Alternativen ueberliess die linksradikale und anarchistische Bewegung  
jedoch leider trotzkistischen Sekten, reformistischen Gruppen und  
buergerlichen Oekos. Auf dem ganzen Social Forum gab es nur einen  
einzelnen anarchistischen Buechertisch, der von mehreren anarchistischen  
Individuen betrieben wurde. Es fehlte eine fundierte linksradikale Kritik  
an diesem Forum und eine Alternative fuer die TeilnehmerInnen. Fuer das  
naechste Social Forum waere es sicherlich sinnvoll, staerker eine  
Gegenstruktur mit linksradikalen Inhalten aufzubauen, die ueber eine  
blosse Antihaltung hinausgeht.

Auffaellig auf dem Social Forum war, dass zwar teilweise sehr verbalradikal
gegen die Folgen des Kapitalismus polemisiert wurde, aber dieser Protest
auch hinter den Mauern des Forte blieb. Die No-Sweat-Kamapgne ist ein  
Beispiel dafuer. Sie wendet sich gegen die Ausbeutung in der  
Bekleidungsindustrie und ruft zu direkten Aktionen auf, waehrend  
gleichzeitig vor dem Forte riesengrosse Werbung fuer den Benneton-Konzern  
unbehelligt hing, einer Firma, die sowohl ihre Produkte unter anderem  
durch Kinderarbeit herstellen laesst, als auch in Spekulationsgeschaefte  
in Argentinien verwickelt ist.
Ebenfalls problematisch war die starke Praesenz von Parteien und
RegierungsvertrterInnen auf diesem Forum, das urspruenglich ein Forum der
NGOs sein sollte und wollte.

Was ausser ein bisschen Medienecho vom Social Forum uebrig bleiben wird, ist
fuer mich persoenlich sehr fraglich. Eine Veraenderung der herrschenden
Politik ist es auf jeden Fall nicht.

Maurice fuer LPA - Corriere da la A



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