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[LPA] (de) Berlin: Das TERMIN@TOR 11_12.2002 update 1

From ralf@anarch.free.de (Ralf Landmesser)
Date Fri, 15 Nov 2002 06:35:18 -0500 (EST)


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      A - I N F O S  N E W S  S E R V I C E
            http://www.ainfos.ca/
        http://ainfos.ca/index24.html
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LIBERTARIAN  PRESS  AGENCY  Berlin  -  lpa@free.de


Das TERMIN@TOR 11_12.2002 Berlin   -   update 1

Liebe Compagner@s und Compagneros,

HurrAhh!!! Das neue Termin@tor ist da. Und es wird auch das letzte sein ...
das dieses Jahr erscheint.
Wir sind guten Mutes, nein: Wir haben uns fest entschlossen, das  
Termin@tor ab naechstes Jahr regelmaessig monatlich erscheinen zu lassen.
Und fuer aktuelle Termine, die hier (noch) keinen Platz  hatten - Ihr
erreicht uns im Internet unter: www.terminator-berlin.tk bzw. ueber unsere  
e-mail Adresse sozialerevolution@yahoo.de

Also: Ihr haltet die vorlaeufig letzte Doppelausgabe in euren Haenden. Damit
wir in Zukunft aber noch aktueller sein koennen, sind wir nach wie vor darauf
angewiesen, dass ihr uns eure Veranstaltungstermine bis spaetestens zum 25.
des Vormonats zukommen lasst und zwar am besten an

sozialerevolution@yahoo.de

Zur Not tut es auch ein Brief an:
Termin@tor c/o A-Laden, Rathenower Str. 22, 10559 Berlin.

Aber schickt uns auch laufend auftauchende Termine, denn das TERMIN@TOR  
wird online auf unserer site  www.terminator-berlin.tk  laufend upgedatet,  
also auf den neusten Stand gebracht. Wer wissen will was auf der  
libertaeren Seite Berlins los ist, ist da richtig und sollte uns stante  
pede die neusten TerminAe zukommen lassen.

Sollte jemand Lust haben, am Termin@tor mitzuarbeiten, dann sollte der- oder
diejenige zum Plenum Libertaerer Elemente Berlins (PLEBs) kommen, das an jedem
2. Sonntag des Monats um 16.00 Uhr bis auf weiteres im A-Laden  
stattfindet.
Es waere auch sehr schoen, Selbstdarstellungen von Gruppen mit  
anarchistischem Selbstverstaendnis geschickt zu bekommen, die wir dann im  
Termin@tor abdrucken koennen. Und natuerlich seid ihr alle aufgerufen,  
fuer das TERMIN@TOR einen umfangmaessig passenden (also eher kurzen)  
Monats-Schwerpunktartikel ueber ein gesellschaftspolitisches Thema aus  
libertaerem Blickwinkel beizusteuern. Das duerfte angesichts der innen-  
wie aussenpolitischen Verwertungskrise und den angedachten Therapien (Hatz- 
Konzept, Irakkrieg, etc.) doch nicht weiter schwerfallen. LeserInnenbriefe  
sind natuerlich auch hoechst willkommen - die Reaktionen auf das Projekt  
sind bis jetzt ganz ueberwiegend positiv, aber vielleicht gibt es ja doch  
die eine oder andere Anregung/Kritik, die wir noch nicht kennen.

Und jetzt - viel Spass beim Lesen

    die T-Red.

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A-Termine Rest-NOVEMBER 2002:
_____________________________

Do. 14.: 19:00 h, A-Laden - Rathenower Str. 22, 10559 Berlin

Die voelkische Revolution
Referat und Diskussion
Bezugnehmend auf das Buch des israelischen Historikers George L. Mosse
sollen folgende Schwerpunkte eroertert werden: Die Grundlage voelkischen
Denkens, die Zeit vor dem 1. Weltkrieg und der Weg zum Nazi-Faschismus.


Fr., 15.: 19.00 Uhr Haus der Demokratie, 2. Hof, Saal im Erdgeschoss
Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin (Tram 2, 3, 4 und Bus 200, 142, 257)

Gerhard Bauer: Ruecksichtslosigkeit und Menschenliebe.
Zwei anarchistische Spiessgesellen: Franz Jung und Oskar Maria Graf
Was bietet das Leben und Schreiben von zwei hoechst ungleichen, aber
befreundeten Feuerkoepfen und Stoerenfrieden? Was koennen wir von ihnen lernen,
wenn sie die entscheidenden Wendungen der deutschen Geschichte sechs
Jahrzehnte hindurch erlebt haben, und zwar aktiv und passiv inklusive Exil?
Das soll in Besinnung auf ihre Lebensschritte und ihre literarischen Werke
untersucht werden. Einschlaegige Stellen ihrer Auseinandersetzung mit den
Ursachen des Anarchismus sollen vorgetragen werden.
Eine Gemeinschaftsveranstaltung mit der Stiftung Haus der Demokratie.
(Vortrag und Diskussion)


Sa, 16. 22 h, K.v.U. (Kirche von Unten) -Kremmener Str. 9-11, 10435 Berlin
(U-Bhf. Eberswalder Strasse)

A-Laden-Soliparty
DarkWavePunkRock

Eine anarchistische Dezentrale fehlte 1987/88 so sehr, dass wir
Umherschweifende den A-Laden Berlin als libertaeren Treffpunkt, Info- und
Stadtteilladen gruendeten. Paar Jahre schwarzrotes Mauerbluemchen sind wir
ohne Mauer jetzt in Mitte mittedrin und tun seit 15 J@hren was wir  
koennen, freisozialistisches anti-autoritaeres GedankenGUT zu leben,  
weiterzuentwickeln und unter die Menschen zu bringen. Besucht uns mal und  
helft, dass dies so bleiben kann und es besser wird - mit uns und Euch und  
@llem.


Fr. 22.22.02, 19:15 Uhr
Deutschlandfunk

Lustiger und Lustiger  von  Kurt Kreiler
Ein Doppelportrait ueber Arno Lustiger, juedischer Historiker und
Spanienkaempfer und ueber seinen Cousin Jean-Marie Lustiger, der nach der
Deportation seiner Eltern durch die Nazis bei einer christlichen Familie
aufwuchs und spaeter zum Zorn des orthodoxen Judentums in Israel zum
Erzbischof von Paris ernannt wurde.
Ein nicht unbedingt anarchistisches Radio-Feature aber eine Zeitbetrachtung
aus libertaerem Geist.


So. 24.11.02, 18:00 Uhr
Lichtblick-Kino

Film: DER TRAUM VOM FLIEGEN
In Anwesenheit des anarchistischen Regisseurs Zoran Solomun

Im Oderbruch, einer der Regionen mit der hoechsten Arbeitslosenquote in  
Deutschland, sehen immer mehr junge Maenner ihre berufliche Perspektive in  
der Bundeswehr. Der anarchistische Filmemacher Zoran Solomun, der seit  
ueber zehn Jahren in Berlin lebt, befragte fuer seinen Film "Der Traum vom  
Fliegen" einige dieser Jugendlichen. Gefilmt wurde an Orten, die noch vor  
kurzem Standorte der   !   § _       ( r waren. Als Solomuns Film fast  
fertig war begann die NATO mit der Bombardierung Jugoslawiens.

Lichtblick-Kino, Kastanienallee 77, Prenzlauer Berg, U2 Eberswalder Str.
oder Senefelder Platz

Kartenreservierung: 44 05 81


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Regelmaessige A-Termine:
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dienstags:
TWH (Thommy-Weissbecker-Haus) Wilhelmstr. 9, 10961 Berlin
(U-Bhf. Hallesches Tor)
jeden 2. und 4. ab 20 Uhr Rude-Genda-Killas-Film
donnerstags:
A-Laden - Rathenower Str. 22, 10559 Berlin
jeden 1. ab 18 Uhr Infoladen, ab 19 Uhr Film
jeden 2. ab 18 Uhr Infoladen, ab 20 Uhr Anarchistisches Literatur-Café
jeden 3. ab 18 Uhr Infoladen, ab 20 Uhr Ladenplenum
jeden 4. ab 18 Uhr Infoladen (bis 20 Uhr)
jeden 5. ab 18 Uhr Infoladen (bis 20 Uhr)
freitags:
jeden 3. Veranstaltung in der Bibliothek der Freien (Haus der Demokratie)
Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin (Tram 2, 3, 4 und Bus 200, 142, 257)
samstags:
jeden 2. Samstag im Monat Statuentheater (nach Augusto Boal)
Statuentheater ist eine Form des Theater der Unterdrueckten - Die
ZuschauerInnen bestimmen das Geschehen auf der Buehne: sie waehlen ein Thema,
bilden dazu Standbilder und spielen Befreiungmoeglichkeiten von der
Unterdrueckung durch. (Kontakt: gue54wagner@web.de)
sonntags:
am 2. PLEBs ab 16 Uhr im A-Laden - Rathenower Str. 22, 10559 Berlin
jeden 3. Rudeconnection ab 17 Uhr im TWH (Thommy-Weissbecker-Haus)
Wilhelmstr. 9, 10961 Berlin (U-Bhf. Hallesches Tor)

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Out Of Big B:
Hamburg:
--------
Mit einer Veranstaltungsreihe im November eroeffnet das libertaere Zentrum
seine neuen Raeumlichkeiten. Das libertaere Kultur- und Aktionszentrum findet
ihr jetzt in der Fettstr. 23, 20357 Hamburg,
Tel. 040/432 21 24.


VORSCHAU DEZEMBER 2002:


Fr. 06.: 19.00 Uhr, Bibliothek der Freien (Haus der Demokratie)
Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin (Tram 2, 3, 4 und Bus 200, 142, 257)

Alexandra Schwell: Anarchismus und Alternativkultur
Alltag und Lebensrealitaet polnischer AnarchistInnen
Die wechselhafte Geschichte ueber die Jahrhunderte hinweg uebte einen
betraechtlichen Einfluss auf das kollektive Gedaechtnis Polens aus und praegte
im Angesicht der jeweiligen Besatzungsmaechte nachhaltig die Vorstellung von
einer freien Gesellschaft. Wohl am radikalsten formulierte dies um die
Jahrhundertwende der Sozialist Edward Abramowski, der den Staat als solchen
fuer gaenzlich entbehrlich hielt und ihn durch autonom selbstverwaltete
gesellschaftliche Organisationen ersetzt sehen wollte. Auf ihn beziehen sich
polnischer Anarchismus und Alternativkultur in erster Linie, wenn sie sich
ueber ein Jahrzehnt nach der Wende in Osteuropa mit den Auswirkungen der
Transformation auseinander setzen. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass
polnische Alternativkultur nicht purer Rezipient und Nachahmer westlicher
alternativkultureller Stile ist, sondern sich aus einer eigenen
Erfahrungswelt speist, die sich in vielen Punkten von Westeuropa
unterscheidet. (Vortrag und Diskussion)


Di, 24.: Weihnachten, (klandestin)
"Rueck das Zeug raus, du rote Sau!"
Workshop mit VertreterInnen der Bewegung 24. Dezemba   :-# :-# :-#

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Der Artikel zur TERMIN@TOR-Ausgabe 11_12.2002

"FREIE LIEBE"

Was ist "freie Liebe"?

In den meisten Nachschlagewerken wird "Freie Liebe" auf eine Beziehung ohne
Trauschein reduziert. Fuer den anarchistischen Kontext reicht diese
Reduzierung nicht aus. Hubert van den Berg schreibt ueber den Begriff in
seinem Beitrag fuer das Lexikon der Anarchie: " Die Wortzusammenstellung
"Freie Liebe" wurde im 19. Jahrhundert gepraegt als Bezeichnung fuer
Sexualitaet, sexuelle Beziehung sowie Formen des Zusammenlebens mit einer
(mutmasslichen) sexuellen Komponente, die sich jenseits von hegemonialen
Moralvorstellungen, wie z.B. dem buergerlichen Eheideal oder des damaligen
viktorianischen Puritianismus in Sexualfragen, bewegte. Dabei war in der
Bezeichnung Freie Liebe je nach politischen, religioesen und moralischen
Standort des Benutzers/der Benutzerin immer ein Werturteil mit enthalten,
das von dem Verdikt der Zuegellosigkeit, Dekadenz und moralischer Entartung
bis zur Rueckkehr nach vermeintlich "natuerlichen" Verhaeltnissen und der
Etablierung einer selbstbestimmten Sexualitaet, frei von aeusseren Eingriffen
und rueckstaendigen, ueberholten, irrationalen Normierungen reichte."Die
Reduzierung der "Freien Liebe" auf eine nicht staatlich anerkannte eheartige
Beziehung bringt uns in der heutigen Zeit wenig fuer eine progressive
Gestaltung der Beziehung. Eine Liebesbeziehung sollte von der theoretischen
Seite her immer auf den Grundlagen "freier Vereinbarung" beruhen, die
jederzeit geloest werden koennen. Die Kritik an der Ehe als Institution ist
in der Schaerfe, wie sie bei einigen AnarchistInnen vorkommt, sicherlich  
nicht mehr zeitgemaess.

Freie Liebe bedeutet darueber hinaus eine Ueberwindung von verinnerlichten
Normen und Herrschaftsverhaeltnissen. Darin liegt ihr progressiver Gehalt.
"Freie Liebe" ist eine direkte Aktion. Eine wirkliche "befreite" Liebe kann
es in diesen bestehenden Verhaeltnissen sicherlich nicht geben. Darueber
brauchen wir uns keine Illusion zu machen. Der Kampf um die "Freie Liebe"
muss immer auch mit anderen gesellschaftlichen Kaempfen und Veraenderungen
einhergehen.
Wenn ich in diesem Rahmen von "freier Liebe" spreche so will ich mich klar
abgrenzen von Gruppen wie des ZEGG, die unter dem Deckmantel "freie Liebe"
eine rein auf die Beduerfnisbefriedigung des Mannes zugeschnittene
Sexualitaet propagandieren.


Rezeptionsgeschichte im Anarchismus

Einer der ersten Vordenker der "Freien Liebe" war der Fruehsozialist Charles
Fourier. Er verfochte bereits im 18 Jahrhundert fortschrittliche Ideen von
Liebe und Sexualitaet - auch wenn an vielen Stellen noch patriachale
Denkmuster durchscheinen. Er beeinflusste auch die anarchistische Diskussion
um dieses Thema stark. Fuer die anarchistische Rezeptionsgeschichte des
Themas sind desweiteren Anfaenge im Hauptwerk William Godwins "An Enquiry
concerning political Justice and its influence on general Virtue and
Happiness" zu finden, wo er Kritik an der Form der buergerlichen Ehe uebt.
"Die Ehe ist ein Gesetz, und das schlechteste von allen! Wie auch unser
Verstand ueber die Person urteilen mag, die uns durch das gemeinschaftliche
Leben in jeder Weise zu foerdern bestimmt sein soll - ueber den Wert der
einenFrau und die Fehler einer anderen Frau -, wir sehen uns gezwungen,  
dem Gesetz zu gehorchen, nicht der Stimme der Gerechtigkeit. Man bedenke  
ferner, dass die Ehe ein Eigentum zur Folge hat, und zwar in seiner  
schlimmsten Gestalt." Godwin selber war zwar verheiratet, was ihm viele  
KritikerInnen vorwerfen, aber diese Ehe ging er nur ein, um die damals  
schwangere Frauenrechtlerin Woolstonecraft vor den gesellschaftlichen  
Repressalien zu schuetzen. Die Beziehung zwischen den beiden kann fuer  
ihre Zeit dennoch als fortschrittlich betrachtet werden - u.a. hatten sie  
getrennte Wohnungen.
Eine sehr viel drastischere Kritik und Zuspitzung der Gedanken Godwins an
der Form der Ehe formulierte die russisch-juedische Anarchistin Emma
Goldmann. Fuer sie schliessen sich die Form der buergerlichen Ehe und die
Liebe gaenzlich aus. Inwieweit bei dieser Kritik die enttaeuschenden  
Erfahrungen ihrer ersten Ehe (aus strategischen Gruenden heiratete sie  
noch ein zweites Mal) die Ueberlegung bestimmen, moechte ich an dieser  
Stelle nicht bewerten.
In ihren Reden und Artikeln taucht dieses Thema immer wieder auf und auch in
der Praxis versuchte sie ihr Konzept umzusetzen. Die Erfahrung, die bei Emma
ausschlaggebend war, wird von Candrine Falk in ihrer Biographie
folgendermassen wiedergegeben: "Als Emma einmal Modell stand, konnte er
[Fedja] sich nicht laenger beherrschen. Er verliess fluchtartig das Zimmer,
und Emma hoerte ihn im Nebenraum heftig schluchzen. Als sie ihn zur Rede
stellte, gestand er ihr seine Liebe. Nur seine Furcht, Sascha zu verletzen,
haette ihn bisher daran gehindert, ihr dies zu sagen. Nun aber ginge es nicht
mehr, und er muesse wohl ausziehen. Nun merkte Emma, dass auch sie in Fedja
verliebt war. Aber war das moeglich? Konnte man zwei Menschen gleichzeitig
lieben, fragte sie sich. Sie beschlossen Sascha von ihrer Liebe zu erzaehlen
und so ihre gemeinsame Ueberzeugung, dass Liebe weder exklusiv noch mit
Besitzdenken verbunden sein duerfe, zu testen." Auch fuer sie, eine radikale
Vorkaempferin dieser Beziehungsform, fiel die Umsetzung sehr schwer. In den
Briefen, die Falk in der Biographie zitiert, tauchen immer wieder Passagen
auf, in denen sie ihr Leid klagt - z.B. ueber die von ihr als Promiskuitaet
wahrgenommene Form von "Freier Liebe", die ihr Liebhaber Ben Reitman
auslebte. Es zeigte sich dabei deutlich, dass eine Kluft zwischen rationalem
Anspruch und emotionalen Empfindungen auch bei ihr bestand.

Erich Muehsam greift dieses Thema in seinem 1909 verfassten polemischen
Schauspiel "Die Freivermaehlten" ebenfalls auf. "Ein polemisches Schauspiel,
in dem die Probleme freie Liebe, freie Ehe, Treue und Eifersucht untersucht
werden" so laesst Muehsam einen seiner Protagonisten das Schauspiel
beschreiben. Sein Verfechter der "Freien Liebe" scheitert an der Kluft
zwischen Anspruch und Emotionen. Unter diesem Aspekt betrachtet hat dieses
Stueck nichts an Aktualitaet fuer heutige Diskussionen verloren. Andere
Aspekte hingegen, die in "Die Freivermaehlten" auftauchen - wie der  
gesellschaftliche Umgang mit nicht verheirateten Paaren - sind in der  
heutigen Gesellschaft ueberholt. Uebersehen werden darf bei Muehsam  
allerdings nicht, dass er ein sehr problematisches Frauenbild hatte. Auch  
bei den Genossen der Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD) herrschte  
ein solches Bild vor. Die FAUD propagandierte die "Freie Liebe" im  
Gegensatz zur staatlich-kirchlich sanktionierten Ehe. Wie wenig dies aber  
mit der Befreiung der Frau aus den patriachalen Herrschaftsverhaeltnissen  
einherging, zeigt sich in einem Zitat von der FAUD-Aktivistin Trautchen  
Caspars. "Da gab es nicht selten die Meinung "Freie Liebe", das sollte  
heissen, dass die Frauen in der Gruppe nun fuer jeden Genossen dazusein  
haetten." Mit dem gleichen Problem hatten auch die Anarchistinnen in  
Spanien zu kaempfen, was u.a. zur Gruendung der Mujeres Libres (Freie  
Frauen) 1936 fuehrte. Einer der Themenschwerpunkte dieser Organisation  
bildete der Kampf um die "Freie Liebe" - paradoxer Weise bildete aber  
gleichzeitig das Thema lesbische Liebe ein Tabu. Nach dem II. Weltkrieg  
endet die anarchistische Rezeptionsgeschichte. Mit dem Aufkommen der
Studierendenbewegung 1967/68 wurde das Thema zwar wieder aktuell, aber
inwieweit anarchistische Ideen und Vorstellungen ihren Widerhall darin
fanden, ist fraglich. Und heute? In der anarchistischen Bewegung scheint
dies kein Thema mehr zu sein. Viele AnarchistInnen haben die buergerlichen  
Moral- und Beziehungsvorstellungen uebernommen und verinnerlicht. Nur  
selten wird dies noch hinterfragt oder der Versuch unternommen, eine  
andere Form der Beziehung auszuleben.


Ueberlegungen ueber die Bedingungen fuer "Freie Liebe"

Auf welchen Fundamenten beruht eine "Freie Liebe"sbeziehung? An erster
Stelle ist es wichtig, dass sie auf Gleichberechtigung der PartnerInnen
beruht, was unter den jeweiligen Umstaenden unterschiedlich schwer ist. In
einem Umfeld, das noch von patriachalen, unreflektierten
Herrschaftsverhaeltnissen und dem Mann/Frau-Geschlechtsschemata gepraegt ist,
wird dem "Mann" das Recht dazu bis zu einem gewissen Grad zugebilligt bis
hin zur Hofierung ("toller Hecht"); der "Frau" hingegen wird das Recht auf
freie Liebe verwehrt - bei wechselnden Liebesbeziehungen wird die "Frau" mit
abwertenden Begriffen belegt. Diese gesellschaftlichen Bedingungen sollten
bei einer freien Beziehung auf jeden Fall reflektiert werden, um einen
Umgang damit zu finden. Das Recht eine/n andere/n PartnerIn bzw. mehrere zu
haben, muss allen der beteiligten Personen in gleichberechtigter Weise
zugestanden sein. "Freie Liebe" ist allerdings auch nicht gleichbedeutend
mit Poligamie/Promiskuitaet. Sie kann auch monogam verlaufen.
Uebersehen darf mensch bei der "Freien Liebe" auch nicht, dass es eine
wirklich "gleichberechtigte" Beziehung wahrscheinlich nur in einer Utopie
existiert. Eine/r der Beteiligten hegt immer intensivere Gefuehle fuer eine
andere Person, als wie sie erwidert werden. Zudem stellt sich die Frage,
inwieweit auf Grund von aeusseren Bedingungen die Form der freien Beziehung
gleichberechtigt ausgelebt werden kann. Es faengt bereits damit an, ob
der/die PartnerIn den gesellschaftlich-vorherrschenden Schoenheitsidealen
entspricht, ob eine/r der PartnerInnen eher schuechtern ist oder nicht etc..
Neben der Gleichberechtigung ist die Offenheit ein weiterer Grundpfeiler.
Gerade in Hinblick auf die Emotionen, die mit der Liebe verbunden sind, muss
offen mit Empfindungen wie Eifersucht umgegangen bzw. diese reflektiert
werden.
Als ein Beispiel, das haeufig angefuehrt wird fuer ein falsch verstandenes
Konzept von "Freier Liebe", ist die Beziehung von Jean-Paul Sartré und seiner
Lebensgefaehrtin Simone de Beauvoir. Er nahm sich das Recht heraus, mit
anderen Frauen Liebesbeziehungen zu haben, reflektierte allerdings nicht,
dass er seine Lebensgefaehrtin damit trotz ihrer Toleranz emotional verletzte.
Ein Umgang mit "Freier Liebe" heisst auch, dass die daran Beteiligten einen
ruecksichtsvollen Umgang mit ihrer/m/n PartnerInnen finden muessen.
Unter dem von mir verwendeten Liebesbegriff fasse ich sowohl platonische
Liebe als auch die sexuelle Komponente. Ein wichtiger Aspekt bei der
Begriffsverwendung von Liebe in diesem Kontext ist auch das Aufbrechen der
klar abgetrennten Bereiche "Freundschaft" und "Liebe". Wo faengt Liebe an? Wo
hoert Freundschaft auf? Welche Rolle spielt in der Unterscheidung die
sexuelle Komponente? Eine Trennlinie dazwischen kann nicht klar gezogen
werden. Die Annahme, dass Liebe etwas Einzigartiges, nur auf eine/n PartnerIn
fixierte emotionale Bindung ist, wird damit negiert und dies schafft den Raum
fuer freie Beziehungen. In Hinblick auf die sexuelle Komponente zeigt sich  
ein Vorteil der "Freien Liebe" gegenueber den gesellschaftlich genormten
Beziehungen. Weil es in den meisten "buergerlichen" Beziehungsstrukturen zu
keiner Reflektion der sexuellen Komponente kommt, kann es zu
Triebunterdrueckung, die sich unterschwellig oder auch offen in Konflikten in
der Partnerschaft auswirkt, und/oder in den "Betrug" des / der PartnerIn
muendet, kommen. Die Toleranz gegenueber meinem/r PartnerIn beruht auch auf
der Erkenntnis, dass wenn ich eine Person wirklich liebe, mir nur Recht sein
kann, dass diese Person gluecklich ist. Zudem akzeptiere ich damit, dass ich
nicht in allen Bereichen vielleicht die sexuellen Beduerfnisse oder Vorlieben
meines/r PartnerIn teile oder befriedigen kann. Verwehre ich meiner/m
PartnerIn das Recht auf Glueck, dass er / sie mit anderen Menschen findet -
sowohl in sexueller als auch platonischer Hinsicht -, aus reinem Egoismus
mache ich mich selber nicht gluecklich.

Sicherlich ist dies nicht leicht in die Tat umzusetzen. Wir sind
gesellschaftlich gepraegt von Werten und Moralvorstellungen, wo Werte wie
"Treue" mit "Monogamie" verwechselt werden; wo die Zwei-Mensch-Beziehung als
die gesellschaftlich anerkannte Form des Zusammenlebens propagandiert wird -
und nichts anderes ist als eine abgeschwaechte, verweltlichte Form der Ehe -
und somit einer christlichen Moralvorstellung entspringt. Wir leiden schnell
an Verlustangst, wenn unser/e PartnerIn engen Kontakt mit einer anderen
Person hegt - wir werden eifersuechtig. Aus der gesellschaftlichen Logik
heraus ergibt sich die Wahrnehmung der Eifersucht zeitweise gar als
"Liebesbeweis".
Ein weiterer wichtiger Aspekt, der sich aus den angefuehrten Ueberlegungen
ergibt, ist das Thema Kommunikation. Die Kommunikation zwischen den
PartnerInnen nimmt im Rahmen der "Freien Liebe" einen sehr hohen Stellenwert
ein. Die Ueberwindung von alten Strukturen und Denkmustern muss in einem
gemeinschaftlich-kommunikativen Prozess laufen.

"Freie Liebe" ist sicherlich nicht "der" Weg zur Emanzipation der
Menschheit, aber das Thema ist ein wichtiger Gesichtspunkt auf dem Weg in
eine freie Gesellschaft."

Camillo Rack


Empfohlene Literatur (Auswahl):

Armand, E.: Das Problem der sexuellen Beziehungen und der
individualistische Gesichtspunkt
Falk, Candace: Liebe & Anarchie & Emma Goldmann
Fourier, Charles: Aus der neuen Liebeswelt
Godwin, William: Untersuchungen ueber die politische Gerechtigkeit
Muehsam, Erich: Die Freivermaehlten

Eine umfangreiche Literaturliste zum Thema "Freie Liebe" findet sich im
Internet unter: http://www.timos.gmxhome.de/fliebe/literatur.htm.



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