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(de) Anatolien, KDVer im Hungerstreik

From worker <a-infos-tr@ainfos.ca>
Date Mon, 4 Nov 2002 07:22:45 -0500 (EST)


KDVer im Hungerstreik
Sender: worker-a-infos-de@ainfos.ca
Precedence: list
Reply-To: a-infos-de

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      A - I N F O S  N E W S  S E R V I C E
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        http://ainfos.ca/index24.html
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Am 24. Oktober 2002 erklärte Mehmet Bal seine Verweigerung. Er entschied
sich zu diesem Schritt nach 9,5 Monaten Kriegsdienst, die mit 7 Jahren
Gefängnisaufenthalt unterbrochen wurden. Er wurde mit "Entfremdung des
Volkes vom Militär" und "wiederholtem Ungehorsam" angeklagt und am 25.
Oktober ins Militärgefängnis von Adana eingeliefert.

Mehmet wurden gewaltsam die Haare geschnitten und man zog ihm eine Uniform
an, die er bei jeder Gelegenheit wieder auszog. Er wurde in eine
Zwei-Person-Zelle geführt und trat dort am selben Tag in den Hungerstreik.

Nun wird er jeden Tag zur ärztlichen Untersuchung gebracht. Der Oberst
begründet dies mit Sorge um seine Gesundheit, doch wir nehmen an, dass es
sich um verdeckte Schikane handelt, weil Mehmet jedes Mal, wenn er die Zelle
verlässt die Uniform wieder aufgezwungen wird und er in Handschellen gelegt
wird, damit er sich nicht ausziehen kann.

In Ankara, Istanbul und Izmir sind Solidaritätskomitees für Mehmet Bal
entstanden. Drei AnwältInnen verfolgen den Fall und setzen sich gegen die
Misshandlung im Militärgefängnis ein.

An dieser Stelle ist internationale Unterstützung und Solidarität ebenso
gefordert. Um die Bedingungen für eine frühzeitige Beendung des
Hungerstreiks zu gewährleisten und Mehmet Bal in seiner Position als KDVer
zu schützen und zu stärken, muss dem Militärapparat und den unmittelbaren
"Vorgesetzten" klar gemacht werden, dass Mehmet Bal weder verrückt, noch
alleine ist.

Wir hoffen auf jede Art von Unterstützung.

Mehmet Bal Solidaritätskomitee - Izmir
E-Mail: gezzaia@softhome.net


Für Protestfaxe:
Militärgericht und Militärgefängnis in Adana
Fax: +90 - 322 - 322 81 36


Hintergrund

Mehmet Bals Weg zur Kriegsdienstverweigerung ist ungewöhnlich. An ihrem
Anfang steht die Begegnung mit Osman Murat Ülke, dem ersten inhaftierten
türkischen Kriegsdienstverweigerer. Als Osman Murat Ülke Ende 1996 ins
Militärgefängnis kam, wurde er in eine Gemeinschaftszelle gebracht, deren
Zellenchef Mehmet Bal war. Mehmet Bal war wegen Mordes angeklagt worden und
trat anfangs Osman Murat Ülke ablehnend gegenüber. Weiter berichtet Osman
Murat Ülke: "Zunächst grenzte er mich aus, als ich aber nach einem Monat
wegen einer erneuten Verurteilung wieder in diese Zelle gebracht wurde,
waren er und seine Zellengenossen überrascht: Sie sahen, dass meine
Kriegsdienstverweigerung eine ernsthafte Entscheidung war. Wir fingen an,
über Ethik, Religion, Politik, Nationalismus, Philosophie und anderes zu
diskutieren. Mehmet Bal begann zudem, Bücher zu lesen, die mir von meinen
Freunden gebracht wurden. Seine Ansichten kamen mehr und mehr ins Wanken und
veränderten sich gravierend."

Mehmet Bal wurde 1999, nach inzwischen vier jährigem Gefängnisaufenthalt,
wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Nach einer
Amnestie entließ man ihn vor vier Monaten aus der Haft und übergab ihm
zugleich einen Marschbefehl zu seiner Einheit in Mersin. Er verweigerte dort
das Tragen einer Waffe. Das wurde akzeptiert, Mehmet Bal hatte seinen
Militärdienst in der Bücherei abzuleisten.

Da er auch im unbewaffneten Dienst die Hierarchie und Gewalt des Militärs
nicht aushielt, entschied er sich, den Militärdienst nach einem Urlaub nicht
wieder anzutreten und mit folgender Erklärung zu verweigern:


Ich verweigere!

Ich war Soldat für neuneinhalb Monate und habe mich entschieden ab dem 18.
Oktober 2002 nicht mehr zu "dienen" und meine Kriegsdienstverweigerung zu
erklären. Ich werde die Gründe, die mich zu dieser Entscheidung geführt
haben, kurz zusammenfassen:

Der Militarismus sieht Vernichtung als eine Methode zur Lösung von Problemen
an. Er legitimiert sich durch Anführung verschiedener Argumente und stellt
sich mit Hilfe von Gesetzen von der Verantwortung der Folgen seiner Taten
frei. Natürlich geschieht dies in Übereinkunft mit den Herrschenden. Damit
dient der Militarismus einerseits den Zielen der Herrschenden und schafft
sich andererseits seine finanziellen Quellen. Dieses wechselseitige
Zusammenspiel ist beständig. Wer immer sich gegen dieses Zusammenspiel
stellt und Widerstand leistet, wird mundtot gemacht, bestraft und sogar
eliminiert. Die Geschichte ist voll mit Beispielen. Jedes Mal werden
verschiedene Versionen des gleichen Spiels inszeniert und erfolgreich
abgewickelt. Dieser Ablauf ist derart offensichtlich, dass mensch trotz
aller Versuche, ihn zu ignorieren, unweigerlich an das eigene Gewissen
stößt - welches der Verleugnung die Wahrheit entgegensetzt. Doch der als
Vernunft verkleidete Konformismus blockiert diese Einsicht immer wieder mit
verschiedensten Begründungen und fordert Ignoranz und sogar eine freiwillige
Komplizenschaft im Spiel. Selbst wenn der Mensch sich in die sichere Hülle
dieser "Vernunft" begibt, ist diese Sicherheit auf lange Dauer trügerisch.

Ein anderer elementarer Bestandteil des Militarismus ist der unbedingte
Gehorsam. Die Wege, die zu diesem unbedingten Gehorsam führen, werden mit
großer Sorgfalt vorbereitet. Der Zwang fängt schon mit der Einführung in die
sogenannten Sicherheitsbedürfnisse der Region und Gesellschaft an, in die
mensch hinein geboren wird. Wenn mensch dann an die Reihe kommt, ist die
Teilnahme obligatorisch. Die Person wird dabei nicht nach ihrer Meinung
gefragt. Die Argumente stehen schon bereit und auf diesem Weg vollbrachte
Taten werden geheiligt und zum Maßstab erklärt. Die Gesellschaft und selbst
die Eltern haben keine Zweifel an der Heiligkeit dieser Taten. Sie sind
bereit, ihre Kinder für diesen Weg zu opfern und übernehmen ihre Rolle, um
ihre Kinder dieser Anforderung anzupassen. Selbst wenn es Ausnahmen gibt,
kann die Mehrheit sich eine Alternative nicht einmal vorstellen.

Die durch den Militarismus angezettelten Kriege schaden nicht nur den
Menschen. Welche Begründung kann Zerstörung durch nukleare und biologische
Waffen rechtfertigen? Die Inhaber dieser Waffen, die diese -eigenen
Behauptungen nach- als Garanten für die Sicherheit der Menschen horten,
wissen dabei selbst genau, in welchen Zustand sie die Welt versetzen würden,
falls sie diese Waffen tatsächlich einsetzen sollten. Natürlich sind sie
sich dieses Widerspruchs bewusst.

Die momentane Situation, in der sich die Welt befindet, widerspiegelt diese
Spiele recht deutlich. Jede/r weiß, dass es der USA und ihren Befürwortern,
die den 11. September als Vorwand genutzt haben, um Afghanistan zu
bombardieren und jetzt den Angriff auf Irak vorzubreiten, nicht um
Sicherheit etc. geht. Doch die sicheren Arme der "Vernunft" scheinen alle zu
umschlingen. Wie können Menschen ihr Gewissen im Angesicht einer Landschaft
von zerbombten Lebewesen beruhigen? Ist es nicht wahr, dass die USA und ihre
Befürworter Kraft aus der Tatsache schöpfen, dass die Resonanz auf Aufrufe
gegen den Krieg so gering ist? Natürlich sollte sich niemand auf Andere
verlassen. Diese Entscheidungen müssen Ergebnis einer inneren Reflexion
sein. Genauso wie Big Brother uns vor die Wahl stellt, für oder gegen ihn zu
sein, müssen wir entscheiden, ob wir den Krieg wollen oder nicht. Denn die
kriegerische Logik durch Zerstörung aufzubauen, die ihre Waffen heute auf
andere richtet, kann diese morgen genauso gegen mich richten.

Sowohl meine bitteren Erfahrungen aus meinem bisherigen Leben, als auch
meine Beobachtungen während neuneinhalb Monaten Kriegsdienst, haben mir klar
gemacht, dass ich die Stimme meines Gewissens nicht weiter verleugnen kann.
Ab jetzt werde ich mir von keiner militärischen oder zivilen Autorität,
keiner Person oder Institution, Haltungen und Handlungen aufzwingen lassen,
die im Widerspruch zu meinem Gewissen und meinem Willen stehen, und erkläre
der Öffentlichkeit hiermit meine Kriegsdienstverweigerung.

Nur kurz will ich noch den bisherigen Ablauf skizzieren. Im Mai 1995 trat
ich den Kriegsdienst an. Am 9. September 1995 wurde ich wegen einer Straftat
verhaftet. Nach ca. sieben Jahren Gefängnis wurde ich am 23. Mai 2002
entlassen und sofort wieder an die Kaserne weiter geleitet, wo ich bis zum
18. Oktober 2002 "gedient" habe.

Ich will unterstreichen, dass ich nicht vorhabe zu desertieren. Ich werde
mich ein weiteres Mal in die Einheit begeben und Militärausweis
und -kleidung abgeben.

Mehmet Bal





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