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(de) hotlines zu Call Centern, ISI und Benefit-Rave (30.11.01)

From kolinko@koma.free.de (Kolinko)
Date Thu, 29 Nov 2001 02:14:22 -0500 (EST)


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      A - I N F O S  N E W S  S E R V I C E
            http://www.ainfos.ca/
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Braucht jemand noch einen Scheissjob?!
Callgirls und Callboys gegen die Ausbeutung

[Dieser Text sollte so im aktuellen ak erscheinen, wurde aber von der
ak-Redaktion gekürzt, sodass die Zusammenhänge zum Teil schwer
verständlich sind. Deswegen hier der vollständige Text.
Übrigens: Wie einige schon gemerkt haben, läuft die Website von
prol-position und hotlines - www.motkraft.net/prol-position -
momentan nicht. Der Provider motkraft hat Probleme. Für prol-position
und hotlines wird eine Zwischenlösung gesucht, bis motkraft wieder
online geht. Wer Texte, Flugblätter, usw. von der Seite braucht, soll
schreiben an: hotlines@motkraft.net]

"Die erste Woche verdienst du nix... dann gibts 12 Mack... Manche von
uns sehen sich gezwungen, in solchen überdurchschnittlich miesen
Buden zu arbeiten, um über die Runden zu kommen... ISI hat grad
Anzeigen laufen... für ihre Call Center in Bochum, Essen, Düsseldorf,
Köln... Braucht jemand noch einen Scheissjob?!"
Mit diesem Text wurde im März auf der Internetseite des
hotlines-Kollektivs (1) ein Flugblatt zur Arbeit in einem Call Center
der Firma ISI Marketing eingeleitet. ISI-Geschäftsführer Steinbach
fühlte sich dermassen auf den Seidenschlips getreten, dass er beim
Landgericht Bochum eine einstweilige Verfügung gegen die Begriffe
"miese Bude" und "Scheissjob" erwirkte. Da er weder die ArbeiterInnen
noch die Leute von hotlines kannte, ging er gegen den damaligen
Provider free.de (2) vor.
Nun ist sicher nichts Aussergewöhnliches daran, wenn ein Krauter wie
Steinbach beleidigt zu einem bürgerlichen Gericht rennt, weil
ArbeiterInnen öffentlich aussprechen, dass sie keinen Bock auf die
miesen Arbeitsbedingungen in seinem Laden haben. Wo kommen wir hin,
wenn alle sagen, was sie denken? In diesem Fall haben die
ArbeiterInnen auch noch selber ein Flugblatt geschrieben - anstatt
sich hilfesuchend an eine Gewerkschaft zu wenden. Ist das nicht
illegal?

ISI ist eins der Call Center, die anderen Firmen
Telefondienstleistungen anbieten und in denen die ArbeiterInnen im
Akkord Anrufe machen müssen. Erst wurden Call Center von Politikern
und Unternehmern als schöne neue Arbeitswelt verkauft, als "saubere"
Hi-Tech-Arbeitsplätze. Wie "sauber" die Arbeit ist, merkst du
schnell, wenn der Tinitus im Ohr klingelt, die Augen brennen und du
die Kopfschmerzen nicht mehr los wirst, nachdem du jeden Tag Hunderte
Anrufe entgegengenommen, Daten in den PC gehackt oder zig Leute per
Anruf genervt hast, um ihnen was anzudrehen. Also bleibt das übrig,
was uns auch sonst zur Arbeit zwingt: Wir brauchen die Kohle zum
Leben und nehmen halt die Jobs, die wir kriegen können und die
einigermassen erträglich scheinen.
Nach einigen Jahren Boom werden jetzt auch in Call Centern Leute
rausgeschmissen bzw. die Läden gleich zugemacht. Das hängt mit der
Krise der (Neuen) Ökonomie und weiteren Rationalisierungsmassnahmen
zusammen, wie z.B. der Einführung von Sprachcomputern und der
Verlegung von Aufgaben auf Internet-Angebote.

Nach dem Streik bei der Citibank 1998 gegen die Schliessung der alten
Call Center (und die Neugründung in Duisburg mit schlechteren
Verträgen) hat es eher kleinere Konflikte und Kämpfe gegeben, in
denen ArbeiterInnen auf Abteilungsebene oder bei kleinen Call Centern
gegen die Bedingungen vorgingen. Darin sind einige (bisher meist
kurzlebige) Basisinitiativen von ArbeiterInnen entstanden (z.B. bei
hotline GmbH in Berlin, jetzt bei Transcom in Düsseldorf). Die
Gewerkschaften (ver.di) versuchen, einen Fuss in die Call Center
reinzukriegen, insbesondere indem sie die Gründung von Betriebsräten
forcieren. (3) Es gibt auch Versuche von Linken, sich auf die
Situation und die Kämpfe in Call Centern zu beziehen. Dazu gehören
u.a die callcenteroffensive (4), die sich um Auseinandersetzungen in
einigen Berliner Call Centern gekümmert hat (audioservice, hotline
GmbH, atm, emnid) und unsere hotlines-Initiative in Rhein/Ruhr.
Mit hotlines versuchen wir, den Austausch von ArbeiterInnen über die
Bedingungen und Möglichkeiten von Kämpfen zu fördern, ohne auf die
Vertretungsfalle durch Gewerkschaften oder Betriebsräte reinzufallen.
(5) Dazu gingen wir selber in Call Centern arbeiten, begannen eine
Flugblattserie und bauten die schon erwähnte Website auf. Leute aus
Brighton/England und Bologna/Italien beteiligten sich und verteilten
in ihren Regionen Flugblätter vor Call Centern.
Hinter diesen Versuchen steht eine grundlegende Kritik an der
kapitalistischen Produktionsweise. Wir denken, dass wir uns dabei auf
den Zusammenhang der ArbeiterInnen in der Arbeit und ihr Verhalten in
den alltäglichen Konflikten beziehen müssen. Es ist wichtig, die
Tendenzen zu unterstützen, die neue Kampfmöglichkeiten und mit ihnen
auch die Perspektive der gesellschaftlichen Befreiung eröffnen. Kern
der Initiative ist also die Verbreitung von Kampferfahrungen und
deren Kritik von einem (kommunistischen) ArbeiterInnenstandpunkt aus.
Hier ergeben sich auch Konflikte mit Gewerkschaftsvertretern, die die
Auseinandersetzungen in Call Centern aufgreifen. Sie wollen sich als
VertreterInnen der ArbeiterInnen auch der "Neuen Ökonomie"
profilieren und das für die Rekrutierung neuer Mitglieder nutzen.(6)
Alles soll gefälligst in die geordneten Bahnen der
"sozialpartnerschaftlichen" Konfliktlösung. Geht zu eurem
Betriebsrat, der regelt das. Auch nach dem Motto, dass wir ja doch
nur "Verbesserungen" durchsetzen könnten, alles andere sei Träumerei
(Revolution...).
Auch wir von hotlines haben nichts gegen "Verbesserungen". Aber die
Forderungen danach sind nicht unser Ausgangspunkt, sondern vielmehr
die Erfahrungen, die die ArbeiterInnen in den Auseinandersetzungen
und Kämpfen machen. In diesen liegt die Möglichkeit des kollektiven
Erlebens der eigenen Macht, die Verhältnisse, die nach der Anhäufung
von Kapital organisiert sind, anzugreifen und abzuschaffen. Wir
lehnen Gewerkschaften und andere Vertretungsformen nicht ab, weil
ihre Ziele nicht radikal genug sind und auf eine Verschönerung der
Ausbeutung statt auf ihre Abschaffung hinauslaufen, sondern weil
gewerkschaftliche Kampfformen diese Erfahrungen und damit die
Perspektive von Selbstbefreiung kaum zulassen.
Wenn wir diese Perspektive im Auge behalten wollen, müssen wir uns
auch davor hüten, von "Überausbeutung" in Call Centern zu sprechen,
wie das linke GewerkschafterInnen und AktivistInnen der
callcenteroffensive gerne mal tun (7). Alles ok, wenn wir genug
verdienen und Flachbildschirme bekommen? Sicher müssen wir die
besonders miesen Bedingungen brandmarken (wie durch das
ISI-Flugblatt), gleichzeitig aber verhindern, dass dadurch Bilder
entstehen, die unterstellen, es gäbe sowas wie eine "gerechte"
Ausbeutung und eine "ungerechte". Vielmehr geht es darum, an allen
Punkten die Kämpfe gegen die Ausbeutung zu unterstützen und auf den
Zusammenhang der unterschiedlichen Ausbeutungssituationen hinzuweisen
(nicht nur zwischen Jobs hier, sondern auch solchen in den Chipbuden
und Turnschuh-Nähereien in Ostasien oder Lateinamerika). Wenn wir nur
die Call Center als "miese Buden" bezeichnen und den Zusammenhang zu
kapitalistischer Krise und Ausbeutung (im Weltmassstab) rauslassen,
landen wir doch wieder bei gewerkschaftlicher Vertretung oder
"Standort-Diskussion".(8)

Dabei ist das Problem von Initiativen wie hotlines, die auf die
Dynamik im Klassenkampf setzen: Trotz der sich verschärfenden Krise,
den Angriffen der rot-grünen Regierung (Kürzungen der
Arbeitslosenhilfe, verschärfter Druck auf Arbeitslose...), trotz der
Aufweichung der "Sozialstandards" hat sich keine grössere
Mobilisierung von ArbeiterInnen ergeben. Der Klassenkampf ist schwer
erkennbar, solange er auf kleiner Flamme brennt. Es ist auch
problematisch, auf Kampferfahrungen von (Call Center-)ArbeiterInnen
zu verweisen, wenn diese Kämpfe bisher wenig Hoffnung auf eine
breitere Bewegung machen und in der Verteidigung des Status Quo
(gegen Entlassungen, gegen Auslagerung) hängenbleiben.
Bleibt der Versuch, an den (kleinen) Konflikten hier dranzubleiben
und Berichte z.B. über die Streiks in italienischen Call Centern zu
verbreiten. Es geht darum, eine Vernetzung von ArbeiterInnen zu
unterstützen, die sie im Falle einer grösseren Mobilisierung
einsetzen können. Zudem müssen wir mit Beiträgen in die
ArbeiterInnendiskussion intervenieren, in denen wir auf den
Zusammenhang von Arbeit, Ausbeutung, kapitalistischer Krise und der
Macht der ArbeiterInnen, sich als Klasse abzuschaffen, eingehen.

Und free and ISI? Die hotlines-Seite wechselte zu einem anderen
Provider (motkraft.net), um free.de aus der Schusslinie zu nehmen.
Immerhin bedrohte die kostspielige juristische Auseinandersetzung die
Existenz von free. Zudem legte ISI nach und beantragte eine weitere
einstweilige Verfügung. Das hotlines-Flugblatt ist weiter vor
ISI-Call Centern verteilt worden. Da BewerberInnen bei ISI erstmal
eine Woche "ganz umsonst" arbeiten "dürfen" und nur übernommen
werden, wenn sie genug Zeitschriften-Abos vertickt haben, hiess das
im Flugblatt: "Erpressung-Vertrag bei Abo-Schnitt". Diesmal lehnte
das Landgericht Bochum den Erlass einer einstweiligen Verfügung gegen
diese Formulierung ab, nicht zuletzt weil die Seite nicht mehr bei
free.de lag. ISI hat aber weitere juristische Schritte angekündigt.
Dabei hat sich der Fall schon jetzt als Eigentor für ISI erwiesen:
Die Soli-Aufrufe von hotlines und free.de haben zu einer weiteren
Verbreitung des Flugblatts und anderer Berichte über ISI geführt; und
einige ArbeiterInnen, die vom Arbeitsamt zu ISI geschickt wurden,
waren vorgewarnt und konnten das Vorstellungsgespräch platzen
lassen...

Imma Freitag (hotlines-Kollektiv)


Um Kohle für free und hotlines ranzukriegen, findet am Freitag, 30.
November 2001 im Druckluft in Oberhausen, Am Förderturm 27 (5 Minuten
vom Hbf.) ein Rave statt: RAVE AGAINST THE MACHINE  u.a. mit DJs vom
Tresor/Berlin  und Tschaka/Ruhrgebiet. Beginn: 22 Uhr, 15 Mark.

Fussnoten:

(1) www.motkraft.net/prol-position
(2) www.free.de
(3) z.B. durch die Gewerkschaftszeitung "login", "CallZ" in
Dortmund...
(4) www.callcenteroffensive.de; seht dazu auch den Artikel im ak 449,
S. 3
(5) Die Diskussion über Betriebsräte ist besonders deswegen brisant,
weil in vielen Call Centern bisher keine solchen
Vertretungsmechanismen liefen. Einige ArbeiterInnen haben also die
Hoffnung, dass sie ihre Bedingungen über einen Betriebsrat verbessern
können. Realistischer ist der Verlauf wie bei Medion in Mülheim: Der
Betriebsrat hat gerade die Erhöhung der Anrufzahlen und Ausdehnung
der Aufgaben abgesegnet - während Medion eine  Gewinnsteigerung um 45
Prozent meldet (FR, 10.11.01). Ohne die Furcht der Bosse vor der
Militanz der ArbeiterInnen taugt halt auch ein Betriebsrat nix.
(6) VerteilerInnen von hotlines-Flugblättern wurde von
DGB-Betriebsräten der Aufruf zu "illegalen wilden Streiks"
vorgeworfen; und als Leute der callcenteroffensive - die den
Gewerkschaften weniger kritisch gegenübertreten - bei ATM in Berlin
Flugblätter verteilten, wandte sich ver.di gegen "überzogenen
Aktionismus" und verhandelte hinter verschlossenen Türen weiter mit
der Geschäftsleitung, um "arbeitsvertragliche Mindestbedingungen"
festzulegen. In der Sprache der Gewerkschaft geht es darum, "Arbeit
im Call Center human und produktiv [zu] gestalten" (laut Broschüre
"Arbeiten im Call Center. Handlungshilfe für Betriebs- und
Personalräte", Frankfurt, 1999)
(7) siehe z.B. unter
http://www.ornament-und-verbrechen.de/CallCenter_08.html. Die
Diskussion zur "Überausbeutung" erinnert auch an die über den
"Neoliberalismus" als besonders böse Variante des Kapitalismus. Als
wenn der "normale" Kapitalismus nicht schon unsägliches Leid und
Elend produziert!
(8) Übrigens sind die zahlreichen Medienberichte über die schlimmen
Bedingungen in Call Centern auch darauf zurückzuführen, dass viele
deutschsprachige - oft studierende - Linke in den miesen Buden
arbeiten und die Bedingungen dort (richtigerweise) angreifen. Über
ähnlich schlimme Jobs in Putzklitschen, Müllsortieranlagen oder
Küchen hören wir weniger. Da arbeiten mehrheitlich MigrantInnen.



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