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{Info on A-Infos}
(de) Wendland: Die Nacht im Gleisbett
From
I-AFD_2@anarch.free.de (FdA/IFA Hamburg)
Date
Wed, 7 Mar 2001 22:29:25 -0500 (EST)
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A - I N F O S N E W S S E R V I C E
http://www.ainfos.ca/
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Anmerkung des editors:
Da uns bis heute keine anderen Berichte vorliegen, hier der Bericht
an die
TAZ Hamburg, einer links-liberalen Tageszeitung. Ueber a-infos
wurde zu
dieser Aktion aufgerufen.
Gut drauf in Pisselberg
Castor-GegnerInnen legen sich trotz Absperrung drei
Mal ins gemachte "Gleisbett"
"Jetzt hier rauf!" ruft eine Stimme im Dunkeln. Alle laufen
los, stuerzen durch die Buesche, den Bahndamm hinauf.
"Salat! Hawaii! Massage!" Bezugsgruppennamen schallen
durchs Unterholz. Von rechts kommen PolizistInnen
angerannt. Zu spaet: Schon sind die Menschen zwischen
den Gleisen, haken sich unter, breiten Isomatten und
Schlafsaecke aus, jubeln: "Wir sind drauf!"
Es ist Samstagabend, halb sieben, in Pisselberg, einem
Dorf bei Dannenberg. Rund 250 AtomkraftgegnerInnen
sind gekommen, um sich auf den Castor-Transport Ende
Maerz vorzubereiten: Mit einer "Nacht im Gleisbett",
organisiert von der gewaltfreien Kampagne "X-1000mal-
quer". Polizei und Bundesgrenzschutz (BGS) wollten das
verhindern - auf der Strecke fuehren die ganze Nacht Kontroll-
und Bauzuege. Der Bahnuebergang ist seit dem Nachmittag
abgesperrt.
Die AktivistInnen aber sind im Schutze der Daemmerung
schnell zu einer Stelle 200 Meter weiter gelaufen. Jetzt sitzen
etwa hundert Frauen, Maenner und auch zwei Kinder zwischen
den Schienen und amuesieren sich. Eine Gitarre wird ausge-
packt: "Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unser Widerstand
nicht." Ein Didgeridoo brummt. Jemand liest Geschichten vor.
Der BGS-Einsatzleiter ist hoerbar genervt: "Ich fordere sie auf,
die Gleise zu verlassen." Darauf ein Aktivist: "Wir sind doch
nur muede!" Juchzen ringsum, die Menschen beginnen einen
Kanon: "Trommle mein Herz fuer das Leben..." Schneeflocken
glitzern im Licht der Fernsehkameras. Der Einsatzleiter stellt
eine Ordnungswidrigkeit fest.
Der BGS beginnt mit der Raeumung. Wer nicht aufsteht - und
das tut kaum eineR - wird weggetragen, den Bahndamm hin-
unter. Die Beamten keuchen: Viele AktivistInnen haben einen
schweren Rucksack auf dem Ruecken. Bis das Gleisbett leer
ist, dauert es fast eine Stunde.
Jetzt hat man sich ein Abendessen verdient: Vor dem
Kuechenbauwagen in Pisselberg dampfen zwei Toepfe mit
Bohnen- und Kartoffelsuppe. Ein Feuerchen wird angezuendet,
im Badeofen koechelt heisses Abwaschwasser. Die Suppe
waermt den Koerper, der kleine Sieg die Seele. Aber die
Pause dauert nicht lange: "Wenn wir noch in die Abendnach-
richten kommen wollen, muessen wir bald wieder los", spricht
sich herum. Das ist ein Argument. Eine Gruppe soll den BGS
vom Bahnuebergang weglocken, eine andere will versuchen,
direkt in Pisselberg noch einmal auf die Schienen zu gelangen.
Der Trick klappt: Fuenf Minuten spaeter sitzen zwei Gruppen
=E0 20 Personen wieder auf den Gleisen.
Diesmal fackeln die BGSler nicht lange, reissen die Menschen
sofort hoch, bruellen, zerren. Einige AktivistInnen werden ueber
den Bahndamm geschleift, andere landen baeuchlings auf der
Erde, die Haende auf dem Ruecken gefesselt. Dazwischen die
so genannten "Konfliktmanager" der Polizei, in ihren rot-
schwarzen Jacken. Bis Mitternacht werden 38 AktivistInnen in
Polizeigewahrsam genommen. Aber kaum hat die Polizei sie
nach Luechow transportiert, steht schon die naechste Gruppe
auf der Strasse vor dem Bahnuebergang: "Wenn wir nicht auf
die Gleise kommen, uebernachten wir eben hier!" Schnell wird
eine Versammlung angemeldet - fuer die ganze Nacht. Vor der
Polizeikette breitet sich ein Lotterlager aus, 30 Schlafsaecke
quer durcheinander, dazwischen Rucksaecke, Strohballen. Der
Wendlaender "Clangfarben"-Chor singt Spirituals, jemand
verteilt Kuscheltiere, ein anderer Waermflaschen. Im Flutlicht
des Polizeischeinwerfers betten die KaempferInnen ihre mueden
Haeupter.
Am naechsten Morgen weht ein eisiger Wind ueber den Damm.
Gegen sieben stecken die ersten ihre Nasen aus dem
Schlafsack - und haben gleich Mikrofone davor. "Nett wars",
erzaehlt Anja aus Carvitz, "bisschen kalt. Aber ich weiss jetzt,
dass es geht, hier zu uebernachten." Fuer die 16-Jaehrige wird
es der erste Castor-Transport sein: 1997 hatte ihre Mutter sie
noch nicht mitgelassen.
Im Kuechenbauwagen ist schon der Kaffee fertig, Kuchen-
platten werden angeschnitten. Zum Abschluss bilden die
TeilnehmerInnen einen "Energiekreis" - auf der Wiese vor
dem Bahndamm. Oben laeuft schnell wieder der BGS auf.
Heike Dierbach
www.taz.de/tpl/2001/03/05.nf/text.Tname,a0191.list,TAZH_ha.idx,2
taz Hamburg Nr. 6388 vom 5.3.2001, Seite 21, 58 Zeilen
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