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(de) Tuerkei: Situation in den Gefaengnissen

From I-AFD_2@anarch.free.de (FdA/IFA Hamburg)
Date Mon, 8 Jan 2001 21:45:31 -0500 (EST)


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      A - I N F O S  N E W S  S E R V I C E
            http://www.ainfos.ca/
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Nach der blutigen Intervention des tuerkischen Staates gegen die im  
Hungerstreik und Todesfasten befindlichen sozialistischen Gefangenen ist  
das Problem der anarchistischen Gefangenen in tuerkischen Gefaengnissen  
jetzt in der Aufmerksamkeit der (internationalen) anarchistischen Kreise  
gerueckt, und ein Brief eines tuerkischen anarchistischen Gefangenen wurde  
auf A-Infos veroeffentlicht. Zunaechst einmal moechte ich allgemeine  
Informationen ueber die Hungerstreikenden und das F-Gefaengnis-Projekt  
geben. (Uebrigens betraegt die Zahl der vom Staat ermordeten Gefangenen,  
soweit heute bekannt ist, 30! und das Todesfasten geht unter Beteiligung  
von 395 Gefangenen weiter; waehrend der staatlichen Intervention war es  
fuer einige Tage ausgesetzt worden).

a-infos-en@ainfos.ca

DER HUNGERSTREIK UND DAS F-GEFAENGNIS-PROJEKT

Hungerstreik und Todesfasten werden angefuehrt von der DHKP-C und der TKP/ 
ML TIKKO. Die DHKP-C (Revolutionaere Volksbefreiungsparteifront; fruehere  
Revolutionaere Linke) ist eine Art stalinistische Organisation und  
arbeitet hin auf eine "oeffentliche Revolution" unter der Fuehrung einer  
Avantgardepartei (fuer sie natuerlich ihre eigene Partei). Sie  
organisieren hauptsaechlich in einigen besetzten Haeusern in Istanbul und  
einigen laendlichen Gebieten in Anatolien, wo Aleviten leben. Der  
Vorsitzende ist Dursun Karatap, der im Ausland lebt (in Europa,  
moeglicherweise Belgien oder Frankreich etc.). Die TKP/ML TIKKO  
(Tuerkische Kommunistische Partei - Marxisten-Leninisten - Tuerkische  
Arbeiter-Bauern-Befreiungsarmee) ist eine maoistische Organisation;  
hauptsaechlich aktiv in Dersim (Tunceli) und in einigen besetzten  
Haeusern. Sie wird von den meisten linken legalen-illegalen Parteien  
(sozialistisch und kommunistische Parteien und Gruppen) unterstuetzt.

Die Hungerstreikaktionen zielen hauptsaechlich darauf ab, das F-Gefaengnis- 
Projekt zu stoppen, das vor allem fuer sozialistische Gefangene von  
"illegalen" Gruppen und Parteien  geplant wurde. Die tuerkische Regierung  
will damit die Befriedung durch Vereinzelung erreichen, dem Gefangenen  
sollen sozialen Beziehungen unmoeglich sein, die ein grundlegendes  
Menschenrecht sind und auf diese Weise sollen auch Aufstaende verhindert  
werden. Aber vor einigen Wochen fuehrte der tuerkische Staat eine  
gewaltsame Aktion durch und steckte die meisten der politischen Gefangenen  
in solche F-Gefaengnisse, obwohl angekuendigt worden war, dass dieses  
Projekt verschoben wurde! Es kostete 32 Tote (30 Gefangenen und 2  
Waerter); einige der Gefangenen starben, weil sie sich als Protest gegen  
die Operation selbst verbrannten, einige wurden bei der Operation getoetet  
(andere gefoltert und verletzt), nach Informationen seitens der Gefangenen  
wurde sogar ein Waerter von anderen Waertern getoetet. Der Widerstand geht  
nun in den F-Gefaengnissen weiter.


ANARCHISTEN UND ANARCHISTISCHE GEFANGENE

Tuerkische Anarchisten kaempfen ebenfalls von Anfang an (seit dem Sommer  
2000) gegen die F-Gefaengnisse. In Ankara beteiligen sich Anarchisten die  
Proteste gegen die F-Gefaengnisse und verteilen an verschiedenen Orten  
Flugblaetter (5000 Stueck in nur 10 Tagen), kaempfen bei Demonstrationen  
gegen die Polizei, fuehren symbolische Hungerstreiks durch. In Istanbul  
gab die Anarchistische Plattform eine Erklaerung gegen das F-Projekt  
heraus etc. Dies alles wird getan, um die Hungerstreikenden zu  
unterstuetzen und das F-Projekt zu stoppen; nicht weil die Anarchisten  
aehnliche Meinungen vertreten wie diese (Sozialisten und kommunistische  
Marxisten), sondern weil das, was der Staat unternimmt, MEHR Repression  
gegenueber den BuergerInnen bedeutet, gegen jede Art von "Staatsfeinden".

Wie sieht es andererseits mit den anarchistischen Gefangenen aus?
Es gibt in tuerkischen Gefaengnissen einige Personen, die sich selbst als  
Anarchisten bezeichnen, aber die meisten von ihnen sind ehemalige  
Sozialisten (Marxisten), die wegen ihrer Beteiligung (manche sind nicht  
einmal "Mitglieder") am Kampf "illegaler" sozialistischer Gruppen im  
Gefaengnis sind. Die meisten von ihnen haben im Gefaengnis ihre  
iedologischen Ansichten geaendert und sich spaeter als "Anarchisten"  
definiert. Einige kommen von PKK, MLKP, MLSPB, TIKKO, DHKP-C, Ala-Ryzgari  
etc. Sie hatten unterschiedliche Gruende, ihre iedologischen Ansichten zu  
aendern; die meisten von ihnen meinen, dass ihre Gruppe (und deren  
Ideologie) zu autoritaer oder sogar diktatorisch ist, einige (zwar  
wenigere, aber es kommt doch vor) moegen auch nur vorgeben, Anarchisten zu  
sein, um sich von der Autoritaet ihrer Gruppen zu befreien. Ich meine  
damit nicht, dass dies keine Anarchisten sind, sondern vielmehr, dass wir  
sie nicht kannten, bevor sie ins Gefaengnis kamen. Sie nehmen entweder  
Kontakt auf, indem sie an anarchistische/libertaere Zeitungen, Magazine  
schreiben oder durch Freunde im Gefaengnis etc. Ihr groesstes Problem ist  
"Einsamkeit"; sie haben keine Freunde oder Genossen, oder Gruppen, die sie  
"verteidigen" und sich um sie kuemmern. Ausserdem sind sie nicht nur der  
Repression durch den Staat (die Gefaengnisverwaltung) ausgesetzt, sondern  
auch seitens der sozialistischen Gefangenen. Das beste waere, sie an einem  
Ort zu versammeln (im selben Schlafsaal), aber das ist wegen anderer  
Probleme, die nicht so leicht geloest werden koennen, unmoeglich; sie sind  
in verschiedenen Gefaengnissen und muessen zu ihren Prozessen von weit  
entfernt anreisen oder haben untereinander ideologische oder auch  
persoenliche Probleme etc. ABER: ich bin der Meinung, dass sie Hilge von  
Anarchisten bekommen muessen, nicht nur weil sie Anarchisten SIND, sondern  
auch aus humanitaeren Gruenden. Wie viele sind es? Das weiss ich wirklich  
nicht; aber derzeit gibt es cirka 11.000 politische Gefangene in  
tuerkischen Gefaengnissen (die meisten von der PKK) und vielleicht  
definieren sich einige von ihnen als Anarchisten, Antiautoritaere (oder  
Antimilitaristen). Ich erinnere mich, dass wir 1997 eine Liste von 13-14  
Gefangenen in verschiedenen Gefaengnissen hatten (vielleicht 2-3 jeweils  
zusammen). Ihre Einstellung zum Hungerstreik und Todesfasten? Soweit ich  
weiss, beteiligt sich einer am Todesfasten, einige nehmen vielleicht zur  
Unterstuetzung am Hungerstreik teil.

Sie sind der Repression (ihrer ehemaligen oder anderer) sozialistischen  
Gruppen ausgesetzt. Die Gruende sind manchmal echt grotesk, z.B. das  
Hoeren von Rockmusik, lange Haare, weil sie sich ueber die Einstellung  
anderer Leute lustig gemacht haetten, aber auch "Politisches" wie negativ  
ueber sozialistische Gruppen reden etc. (das war in einem Brief eines  
anarchistischen Gefangenen vor 3-4Jahren zu lesen). Sie werden von den  
Sozialisten bestraft (wie z.B. das ihnen nicht erlaubt wird, ihr Bett zu  
verlassen etc.). Wenn sie nicht gehorchen, sind sie sogar der Gewalt  
ausgesetzt; ich habe gehoert, dass mal zwei von ihnen zusammengeschlagen  
wurden, und ein anderer wurde sogar im September 1998 getoetet. Es muss  
noch viele solche Vorfaelle geben, von denen wir nicht erfahren. Im  
September 1998 toetete die TIKKO im Gefaengnis Eskisehir Mehmet Cakar und  
gab dafuer die Begruendung, er sei ein Spitzel. Er stand in Kontakt mit  
einem Genossen (einem Anarchisten) von der unabhaengigen Zeitschrift  
Arkabahce aus Ankara und er unterstuetzte den antimilitaristischen Kampf,  
schickte antimilitaristische Karikaturen etc. Aber wir kannten ihn nicht,  
bevor er ins Gefaengnis kam; er hatte seiner Frau einen Monat vor seinem  
Tod gesagt, er wisse, dass sie ihn umbringen wuerden. Er war im  
Gefaengnis, weil er der Repraesentant der "legalen" Zeitschrift Partizan  
in Izmir war (TIKKO-Unterstuetzer). Zu der Zeit gab es bei TIKKO eine  
"Saeuberung" (!) und innerhalb eines Jahres wurden cirka 10-12 ehemalige  
Aktivisten getoetet, mit der Begruendung, sie seien Spitzel oder  
Informanten.


SCHLUSSFOLGERUNG

Ich habe dies nicht geschrieben, um AnarchistInnen vom Kampf gegen die F- 
Gefaengnisse abzuhalten, oder sie von der Solidaritaet mit Linken  
(sozialistischen oder kommunistischen Gruppen) abzuhalten. Es betruebt  
mich und die anderen tuerkischen GenossInnen, dass die Probleme der  
anarchistischen Gefangenen nicht deutlicher, allgemeiner und breiter  
bekannt werden, zu einer Zeit, in der der Kampf gegen die F-Gefaengnisse  
im vollen Gang ist, zu einer Zeit, zu der der Staat Dutzende von  
aufstaendischen Gefangenen toetet, egal, fuer was sie einstehen. Dies darf  
den Kampf nicht "spalten"; wie Nikos Maziotis sagt: "Solidaritaet ... ist  
nicht an Bedingungen geknuepft fuer alle, die irgendwo mit welchen  
Methoden auch immer gegen die herrschende politische und gesellschaftliche  
Ordnung kaempfen", Ich meine, darum sollten wir als AnarchistInnen den  
Kampf gegen die F-Gefaengnisse unterstuetzen - nicht, weil wir mit ihnen  
politisch kooperieren. Ich nenne sie nicht, wie Nikos es tut, GenossInnen,  
unterstuetze aber ihren Kampf aus humanitaeren und antistaatlichen  
Gruenden. Leider habe ich niemals Artikel oder Meldungen ueber Nikos'  
Prozess in einer sozialistischen oder kommunistischen Zeitung in der  
Tuerkei gesehen. Dagegen ist es den griechischen AnarchistInnen ernst mit  
der Unterstuetzung des Widerstands der sozialistischen Gefangenen hier.  
Ich wuerde es auch vorziehen, ueber all dies in "ruhigeren" Zeiten zu  
sprechen, aber die Tatsachen erscheinen manchmal zu unvorhergesehenen  
Zeiten.

Fuer ein Leben ohne Gefaengnisse!

Fuer "Solidaritaet ohne Grenzen"!
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Uebersetzung: FdA Hamburg, e-mail: i-afd_2@anarch.free.de






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