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(de) Krieg im Namen der Entwicklung (Staudamm in Kolumbien)

From "Momo" <zapata99@gmx.de>
Date Thu, 16 Mar 2000 05:37:15 -0500


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Mehr Strom am Rio Sinú
Staudammprojekt im Norden Kolumbiens vertreibt Indígenas

Im Norden Kolumbiens im Departamento Cordobá hat ein Konsortium aus
kolumbianischen Firmen und Behoerden [ISA, ISAGEN, Electrificadores de la Costa,
Deparamento Cordobá, Municipio Tierralta], die Urrá S.A., einen Staudamm
errichten lassen. Der Bau wurde von staatlichen und privaten Banken finanziert
und durch die schwedische Firma Skanska realisiert. Durch den Staudamm wird
ein Teil des Siedlungsgebietes sowie grosse Fischereigebiete der Embera Katio
und anderer Gemeinschaften, die von Landwirtschaft und Fischfang leben,
ueberflutet. Insgesamt sind davon etwa 60.000 Familien betroffen. Die Indígenas
protestieren dagegen und fordern ihr Recht auf das Territorium und die
Einhaltung internationaler Konventionen ein. Sie fordern einen Ausgleich fuer
die ueberflutete Flaeche in der Naehe des Siedlungsgebietes. Diese Region ist
allerdings Coca-Anbaugebiet und wird von Paramilitaers kontrolliert, die
bereits vier gewaehlte Vertreter der Indígenas ermordet haben und weiterhin
Drohungen lancieren. Die Regierung hat den Embera eine staedtische Ansiedlung
vorgeschlagen, was die Integritaet der indigenen Gemeinschaft aufloesen
wuerde.
164 Indígenas besetzen seit Dezember eine Gruenflaeche vor dem
Umweltministerium, um auf den Konflikt aufmerksam zu machen, der neue Vertriebene
hervorbringt und die Gewalt und bewaffnete Auseinandersetzungen in der Region
verschaerft.
Am 18. Maerz reist eine internationale Delegation, die sich aus
Mitgliedern von Nichtregierungsorganisationen zusammensetzt, in das betroffene Gebiet.


Interview mit einem der gewaehlten Vertreter der Embera Katio, Luis
Alberto Paresso

Aus welcher Gegend Kolumbiens kommen die Embera Katio?
Die Embera kommen aus dem Department Córdoba im Municipio Tierralta, aus
dem Territorium der Embera Katio del Alto Sinú.

Wieviele Angehoerige zaehlt das Volk der Embera Katio?
In unserem Siedlungsgebiet sind wir etwa 2.500 Indígenas. Hier in Bogotá
befinden sich gerade 164 Indígenas, unter ihnen Kinder, Frauen und Maenner,
im Vorgarten des Umweltministeriums.

Wovon leben die Embera Katio?
Wir leben dort am Rio Alto Sinú von Landwirtschaft und Viehhaltung, z.B.
dem Anbau von Mais, Bananen, Yuca, Reis und der Haltung von z.B. Schweinen
und Huehnern. Wir betreiben auch Fischfang und jagen, jedoch lediglich zum
Konsum innerhalb der Familien.

Was ist dort am Rio Alto Sinú passiert?
1993 begann die Arbeit am Bau des grossen Staudamms von Urrá. Wir hatten
keinerlei Kenntnis davon, um was fuer Bauarbeiten es sich handelte. Aus
diesem Grund haben wir vom Petitionsrecht Gebrauch gemacht damit uns die
Regierung eine Erklaerung abgibt. Erst aufgrund dieser Petition erklaerten uns die
Funktionaere der Regierung was da gebaut wird. Dort haben wir dann erfahren,
dass die Bauarbeiten der Energiegewinnung dienen sollen, vier Turbinen mit
insgesamt 340 Megawatt. Die Bauarbeiten werden von der schwedischen Firma
SKANSKA durchgefuehrt.
Wir haben daraufhin eine Aktion mit dem Namen Do Wabura gemacht. Das war
eine groessere Demonstration am 4. November 1994, die wir auf den Flussen
gemacht haben. Dadurch haben wir die kolumbianische Regierung blosstellen
koennen, und so gestand die Regierung zu, einen Sofort- und einen Langzeitplan,
einen sogenannten Entwicklungsplan, zu verabschieden. Diesen Entwicklungsplan
hielt die Regierung aber nicht ein. Daraufhin beschlossen die Indígenas,
eine dauerhafte Besetzung der schwedischen Botschaft hier in Bogotá
durchzufuehren. Das war am 23. Oktober 1996; am Tag als die Regierung den gleichen mit
den Embera Kation geschlossenen Kompromiss ratifizierte, den sie schon am
21. November 1994 zugestanden hatte.
Trotzdem die Regierung dies erneut beschloss, hielt sie den Kompromiss
weiterhin nicht ein. Nun riefen die Embera eine Aktion zum Schutz des Gebiets
mit einem sechsmonatigen Prozess vor dem Verfassungsgericht ins Leben, der
zugunsten der Embera ausging. Der Prozess stellt die Rechte der Embera unter
Schutz, die Rechte der indigenen Voelker. Aber auch diesen Urteilsspruch
begann die Regierung zu ignorieren.
Auf dieser Basis haben wir dann den weiteren Rechtsweg beschritten. Doch
die kolumbianische Justiz will unsere Forderungen nicht anerkennen. Daraufhin
erteilte der Umweltminister Juan Mayr dem Unternehmen Urra S.A. am 4.
Oktober letzten Jahres die Lizenz, den Stausee zu fuellen.
Die Bevollmaechtigten der Embera entschieden daher, einen demonstrativen
Marsch von unserem Schutzgebiet bis in die Stadt Bogotá, der Hauptstadt der
kolumbianischen Republik, zu realisieren. Auf diesem Weg haben wir ueber 850
Kilometer zu Fuss zurueckgelegt, und sind hier in Bogotá am 13. Dezember
letzten Jahres angekommen. 

Was sollte dieser Marsch zum Ziel haben?
Mit den Protesten wollen wir das Befuellen des Stausees von Urrá stoppen.
Wir kamen, um die von Urra S.A. vertriebenen Emberas zu demonstrieren, denn
wir meinen und fuehlen, dass es sich um eine gewaltsame Vertreibung handelt.
Wir kamen, um zu demonstrieren dass Urrá S.A. und die Regierung dabei sind,
26 Familien, 123 Personen, zu ertraenken. Die Regierung will unsere Kultur
aufheben. Sie ueberschwemmen unsere produktivsten Anbaugebiete. Sie wollen
uns unsere angestammten Gebiete rauben. 
Die Paramilitaers haben uns wegen unserer Position gegenueber Urrá S.A.
bedroht. Das ist auch etwas, was wir demonstrieren. Vier indigene Vorsitzende
sind umgebracht worden von Paramilitaers. Sie haben sie bedroht und
umgebracht. Die Paramilitaers haben auch Briefe an die Regierung geschrieben,
moeglichst bald die Lizenz zum Fuellen des Sees zu erteilen.
Was wir aber mit unserem Erscheinen hier letztlich ausdruecken wollen, ist
eine ernsthafte Abstimmung unter den Embera durchzufuehren.
Wir haben der Regierung fuenf konkrete Forderungen vorgelegt: Zunaechst
als ersten Punkt das Territorium, das unseres ist. Dann der Plan Jenené, ein
Umweltaktionsplan den wir erarbeitet haben, um die Umweltfolgen zu mindern,
die durch den Staudamm von Urrá hervorgerufen werden. Als Drittes die
Beteiligung an den Erloesen des Energieverkaufs, so wie es die Uebereinkunft 169
der Internationalen Arbeitsorganisation vorschreibt [in die neue Verfassung
1991 hat die Regierung Kolumbiens auch den Artikel 21 des Gesetzes der
Internationalen Arbeitsorganisation ILO aufgenommen, der Indigenen bestimmte Rechte
zusichert]. Viertens die Wiederansiedlung der Indígenas, die sich in
Ueberschwemmungsgebieten befinden, in der Naehe des Siedlungsgebietes. Und
fuenftens Menschenrechte, was sich auf die Drohungen und Morde die es gegeben hat
bezieht. Das sind unsere fuenf Punkte, die wir forden.

Ist die Regierung darauf eingegangen?
Nachdem wir in Bogotá ankamen, haben wir uns am 17. Dezember mit dem
Minister getroffen. Bei dem Treffen hatten wir einen Arbeitsplan abgestimmt und
ebenfalls beschlossen, wieviele Personen daran beteiligt sein sollten. Der
Grund dieser Versammlung sollte die Gruendung einer interministeriellen Gruppe
sein. Diese Gruppe sollte uns Vertriebene anhoeren und anschliessend eine
Analyse durchfuehren: Zunaechst unsere Anliegen pruefen und spaeter eine
Versammlung vorbereiten und die vorgebrachten Probleme loesen. Am 29. Dezember
hat die Regierung in einer Versammlung einige Sprecher bestimmt, die mit
Verhandlungsvollmacht ausgestattet sein sollten. Allerdings waren diese
Delegierten der Regierung keine Sprecher in dem vom Umweltminister Mayr
zugestandenen Sinne. Sie waren tatsaechlich nur Sprecher, sie praesentierten uns, was
der Umweltminister ihnen aufgetragen hatte. Sie ueberbrachten die Berichte,
gegen die wir protestierten.
So ging das seit dem 4. Januar bis heute. Und so ist z.B. bis heute, dem
9. Maerz, nicht ausdruecklich ueber unsere vorgebrachten Anliegen beraten
worden.
Stattdessen will uns das Umweltministerium von hier vertreiben und setzt
Luegen ueber uns in die Welt. So gab es schon fuenfmal Drohungen, uns hier
polizeilich raeumen zu lassen. Sie wollen uns also hier raeumen, nach ueber
drei Monaten. Aber wir sind keine Menschen, die auf Gewalt aus sind, wir sind
uns im Klaren dass wir nicht gekommen sind, um koerperliche
Auseinandersetzungen zu haben. Wir wollen lediglich unsere Rechte einfordern die in der
Verfassung und in der Uebereinkunft 169 der ILO verankert sind. Das Recht das
wir einfordern, ist das auf unser Territorium. Alle anderen Forderungen
basieren darauf.

Wurden die Morde durch die Paramilitaers denn in irgendeiner Weise
untersucht?
Wir haben diese Forderung der Staatsanwaltschaft gegenuebergebracht, doch
gab es bis heute keine konkrete Untersuchung.

Wie lange beabsichtigt ihr hier im Vorgarten des Ministeriums zu bleiben?
Unsere Rueckkehr ist ungewiss, wir haben aber beschlossen, dass wir
bleiben solange unsere Probleme ungeloest bleiben. Und waehrend dieser Zeit sind
die 136 Indígenas, die sich im Ueberschwemmungsgebiet befinden, gefaehrdet.
In der Presse erschien, dass sie bis 15. Maerz geraeumt sein sollen. Die
Regierung will also gewaltsam gegen die Emberas vorgehen.

Was hat denn die Regierung vorgeschlagen, wo sie hingehen sollen?
Die Regierung schlaegt vor, dass sie an einen “sicheren Ort” in
staedtischem Siedlungsgebiet gehen sollen. Das ist fuer uns aber kein sicherer Ort.
Nur unser Territorium bietet uns Schutz, weil wir uns dort selbst schuetzen
koennen. Wenn die Regierung also den Willen hat, diese Probleme zu loesen,
dann soll sie es tun wenn wir dort in unserem Territorium sind.

Arbeiten die Emberas, die die Besetzung hier durchfuehren, mit nationalen
oder internationalen Gruppen zusammen?
Hier gibt es viele verschiedene Nichtregierungsorganisationen,
kolumbianische und auslaendische. Unter ihnen sind Gewerkschaften, ArbeiterInnen,
Universitaetsgruppen und Schulen, die sich in Form von Nahrungsmitteln, andere
mit moralischer Unterstuetzung unserer Forderungen solidarisieren.
Am 18. Maerz reist eine Delegation aus Vertreterinnen und Vertretern von
Nichtregierungsorganisationen in die Region am Rio Sinú, um sich ein Bild von
der Situation zu verschaffen und die Familien zu unterstuetzen, die sich im
Ueberschwemmungsgebiet aufhalten.

Das Interview fuehrte Matthias Doering am 9.3.2000 in Bogotá.


Mehr Informationen gibt´s von:
Cabildo Mayor Embera Katio: camaemka@col3.telecom.com.co
Asociación de Pescadores: Asprocig@colnodo.apc.org



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