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(de) Berlin: Veranstaltung zum Thema Neue Arbeit

From Nico MYOWNA <I-AFD_2@anarch.free.de>
Date Tue, 29 Feb 2000 02:09:48 -0500


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      A - I N F O S  N E W S  S E R V I C E
            http://www.ainfos.ca/
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VERANSTALTUNG IN BERLIN

Neue Arbeit
- Durchwursteln oder eine reale Chance fuer die Veraenderung
der Arbeitsgesellschaft?

Ca. 90 Personen folgten Mitte Dezember der Einladung, sich
ueber das Konzept "Neue Arbeit" des Philosophen F. Bergmann
und dessen praktische Umsetzung zu informieren. Neben Frauke
Hehl, des Berliner Projektes "workstation", die die Veran-
staltung leitete, berichteten Elisabeth von Renner (Netzwerk
Neue Arbeit, Kassel), Manuela Krengel, Monika Schulz (Haus
der Moeglichkeiten in Lauchhammer) und Michael Birkenbeul
(Sozialistische Selbsthilfe Koeln-Muelheim) aus der lau-
fenden Arbeit in ihren Projekten.

Zunaechst fuehrte Elisabeth von Renner in die Theorie von
Frithjof Bergmann ein. Bergmann geht in seinem Konzept davon
aus, dass immer weniger Menschen einen Vollerwerbsarbeits-
platz ein Leben lang innehaben werden. Daraus zieht er die
Konsequenz ueber eine Drittelung der zur Reproduktion not-
wendigen Arbeits-Zeit in "`normale' Erwerbsarbeit", "High-
Tech-Selfproviding" (Eigenarbeit) und "calling" (Berufung)
den Betroffenen Moeglichkeiten jenseits des traditionellen  
Erwerbsarbeitssystems zu eroeffnen. Bergmann moechte mit
seinem Konzept, zum einen die verfuegbaren Jobs gerechter
verteilen. Zum zweiten, betont er, dass durch Eigenarbeit
und schlauen Konsum materielle Einbussen der Reduzierung der
Arbeitszeit ausgeglichen werden koennen. Insgesamt, so
Bergmanns Vorstellung, traegt "Neue Arbeit" zur Verbesserung
der Lebensqualitaet der Menschen bei; neben der Erwerbsarbeit
bleibt genuegend Zeit zu ueberlegen, was man/frau wirklich will,
um daraus neue Perspektiven zu entwickeln.

Nach der theoretischen Einfuehrung stellten Manuela Krengel
und Monika Schulz ihr Projekt "Haus der Moeglichkeiten" in
Lauchhammer vor. Die Kleinstadt Lauchhammer gehoert zu den
Industrieregionen der neuen Laender, die von extrem hoher
Arbeitslosigkeit betroffen sind, nachdem der Braunkohle-Abbau
und die damit zusammenhaengende Schwerindustrie weggebrochen
sind. Mit dem Haus der Moeglichkeiten, das verschiedene Werk-
staetten (Toepferei, Naehwerkstatt, Kunst- und Kulturzentrum)
beinhaltet, sollte zunaechst ein Begegnungszentrum geschaffen
werden, das Raum fuer Idee, Kreativitaet und im Bergmann'schen
Sinne "calling" bietet. Ausserdem werden verschiedene Beratungen  
angeboten. Die beiden Frauen aus Lauchhammer berichteten von
anfaenglichen Problemen, Akzeptanz fuer andere Formen der Arbeit
bei Menschen zu finden, deren Vorstellung vom lebenslangen
sicheren Arbeitsplatz ploetzlich zerstoert wurde. Es braucht  
offensichtlich einige Zeit und sehr viel Engagement der Projekt-
initiatorInnen, einen Umdenkungsprozess anzustossen.

Nach mittlerweile fast zweijaehriger Erfahrung werden die Ange-
bote jetzt in groesserem Umfang genutzt, neue Projekte befinden
sich in der Planung. Das Hauptproblem besteht aktuell darin, die  
Finanzierung des Projektes ueber das Auslaufen der Arbeitsbe- 
schaffungsmassnahmen hinaus zu sichern.

Michael Birkenbeul von der "Sozialistischen Selbsthilfe Muelheim"
(SSM) konnte dagegen aus der 20jaehrigen Erfahrung seines Projek-
tes darstellen, dass die Bergmann'sche Theorie der Drittelung von  
"Erwerbsarbeit", "Selfproviding" und "Calling" in der Praxis funk- 
tioniert. In der SSM haben sich 16 Personen zusammengefunden, um
auf einer alten Industriebrache gemeinsam zu leben und zu arbeiten.
Die SSM betreibt ein Umzugs- und Entruempelungsunternehmen und einen  
Second-Hand-Laden, in dem gemeinschaftlich gearbeitet wird, und aus
deren Gewinnen 100 DM woechentlich an alle Mitglieder, auch an Kinder,  
ausgezahlt wird. Alle werden kranken- und rentenversichert. Darueber  
hinaus leben die Mitglieder der SSM mietfrei, essen gemeinsam und
koennen sich ihren Bedarf an Kleidung, Haushaltswaren etc. aus ihrem
Laden geldlos besorgen. "Erwerbsarbeit" und "Selfproviding" gehen
hier nahtlos ineinander ueber.

In der Diskussion gab es zunaechst zahlreiche Nachfragen zur Praxis
der einzelnen Projekte. Im Vordergrund standen dabei Fragen der  
Finanzierung (oeffentliche Gelder ja oder nein; welche oeffentlichen  
Gelder koennen genutzt werden etc.), Fragen der Renten- und Alters-  
sicherung (was passiert, wenn man/frau nicht mehr erwerbs- oder eigen- 
arbeiten kann, welche Form der Alterssicherung existiert im Konzept
von Bergmann) und die Frage nach dem Uebergang von Eigenarbeit in ge-
werbliche Taetigkeit (wo hoert Eigenarbeit auf und wann faengt gewerb-
liche Arbeit an).

Eine grundsaetzlichere Diskussion entbrannte an der Frage, ob ein Pro-
jekt wie die SSM, eine reine Nische sei oder einen Alternativentwurf  
darstellen koennte. Aus dem Publikum heraus wurde argumentiert, dass
die SSM nur als Armuts-Oekonomie funktionieren koenne, bei der die
einzelnen auf einem relativ geringen materiellen Niveau lebten. Michael  
Birkenbeul rechnete allerdings vor, dass sie materiell nicht sehr viel  
schlechter darstehen, als manch' eine normale Angestellte, wenn man die  
Lebenshaltungskosten, die bei der SSM gemeinschaftlich getragen werden,
werden, mit einbezieht. Dagegen trug er sehr ueberzeugend vor, dass
dieses gemeinschaftliche Leben ein mehr an Lebensqualitaet beinhalte.

Als zweiter grosser Einwand gegen das Konzept von
Bergmann wurde vorgebracht, dass es zur Individualisierung
der Erwerbslosigkeit beitrage, gerade wenn, wie im
Projekt von Lauchhammer das individuelle "Calling"
im Vordergrund steht und Erwerbslosigkeit mehr psycho-sozial
bearbeitet werde. Zudem wurde angemerkt, boeten die in
Lauchhammer initiierten Werkstaetten kaum tatsaechliche
Zukunftsperspektiven jenseits der Erwerbsarbeit fuer eine
groessere Zahl von Personen. Keinesfalls koenne eine Toepferei
und eine Naehwerkstatt Industriearbeitsplaetze ersetzen. Die
Frage wurde laut: kann "Neue Arbeit" unter den Bedingungen
der Massenarbeitslosigkeit in Lauchhammer mehr sein als eine  
Beschaeftigungstherapie?

Hier wurde angemerkt, dass es neue Ideen fuer ein
groesseres Projekt gibt, das auch "Marktchancen" besitzt.
Das Konzept schliesse, wie das Beispiel der SSM zeigt,
nicht aus, dass Neue Arbeit-Projekte auch "am Markt"
erfolgreich sein koennen. Zugleich wurde noch einmal betont,
dass das Haus der Moeglichkeiten zunaechst einmal ein klei-
ner Versuch war, moeglichst niederschwellig Angebote zu ma-
chen, einen Umdenkungsprozess in Gang zu bringen.

Ein dritter grosser Diskussionsbereich war die Frage
nach dem gesellschaftlichen und individuellen Interessen an
"Neuer Arbeit". Die zahlreichen Fragen aus dem Publikum
machten deutlich, dass ein Interesse einzelner Personen,
sich an einem Neue Arbeit-Projekt zu beteiligen, durchaus
vorhanden ist und es einen Bedarf an Beratung und der Ver-
mittlung von Kontakten gibt. Interessanterweise gibt es
sowohl in Lauchhammer als auch in Koeln-Muehlheim Arbeits-
aemter und GewerkschaftlerInnen, die auf der Suche nach
Perspektiven, sich fuer das Neue Arbeit-Konzept zu interes-
sieren beginnen. Allerdings gibt es bisher kaum Unternehmen
oder Betriebe, die sich an der Verwirklichung der Drittelungs-
Idee Bergmanns beteiligen. Das Netzwerk Neue Arbeit versucht
zur Zeit, wie Elisabeth von Renner erklaerte, Unternehmen zu
gewinnen.

Fazit:

Mit der Veranstaltung wurden zahlreiche Informationen
zur Praxis existierender Neue-Arbeit-Projekte einer breiteren
Oeffentlichkeit vorgestellt. Dass sich rund 90 Personen
aus ganz unterschiedlichen linken Spektren fuer das Thema
interessieren, kann bereits als ein Erfolg gewertet werden.
Das positive Beispiel der Sozialistischen Selbsthilfe
Muehlheim gab darueber hinaus Anschauung, dass die Theorie der
Neuen Arbeit auch in der Praxis funktionieren kann und
vermittelte Anregungen, die, so der Eindruck, vom Publikum
mit Interesse wahrgenommen wurden. Die rege Diskussion machte
zugleich deutlich, dass neben dem grossen
Interesse an Formen des kollektiven, anderen Arbeitens,
grundsaetzliche Fragen an Bergmann noch offen stehen
und eine kritische Auseinandersetzung fortgesetzt werden
muss. Offen blieben u.a. die Fragen,

* ob das Konzept Neue Arbeit Perspektiven auch im Bereich der
(relativ gesicherten) Stammbelegschaften des
industriellen Sektors bieten kann, oder ob es sich "nur"
an die marginalisierten und prekarisierten ArbeitnehmerInnen
richtet,

* ob und wie Neue-Arbeit-Projekte ihr Nischen-Dasein
ueberwinden koennen, welches Verhaeltnis zum Markt angestrebt
wird, inwieweit das Konzept mehr leistet als
Menschen in eine ohnehin unsichere Selbstaendigkeit
zu entlassen,

* wie sich das Konzept in die Diskussion um den Sozialstaat
einreiht, ob es ggf. Ansatzpunkte gibt, das Konzept
Neue Arbeit in die laufende Existenzsicherungsdebatte /
soziale Grundrechtsdebatte zu integrieren usw.

Fuer Februar ist eine Diskussionsveranstaltung mit Bergmann
selbst geplant, auf der diese Fragen vertieft diskutiert
werden sollen.

Kontakt: Frauke Hehl, E-Mail: work.station@berlin.de
http://www.snafu.de/~workstation

Quelle: Contraste Nr. 185

CONTRASTE e.V., Postfach 10 45 20, D-69035 Heidelberg, Tel.
(0 62 21) 16 24 67, Fax 16 44 89  EMail:
CONTRASTE@t-online.de
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