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(de) Tuerkei: Bericht eines anarchist. Gefangenen

From I-AFD_2@anarch.free.de (FdA/IFA Hamburg)
Date Sat, 30 Dec 2000 00:53:26 -0500 (EST)


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      A - I N F O S  N E W S  S E R V I C E
            http://www.ainfos.ca/
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Vorbemerkung des editors fuer englische News:
Liebe FreundInnen,
hier ist ein Brief, den wir gerade von einem Anarchisten aus der Tuerkei  
erhalten haben. Dieser befasst sich mit den unertraeglichen Bedingungen,  
denen anarchistische Gefangenen in tuerkischen Gefaengnissen ausgesetzt  
sind. Wir haben beschlossen, den Namen des Absenders nicht zu  
veroeffentlichen.
a-infos-en@ainfos.ca

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"Ich bin seit fuenf Jahren anarchistischer Gefangener. Sie (DGM, Malatya -  
DGM ist ein Staatssicherheitsgericht - gaben mir 15 Jahre, weil ich meine  
anarchistische Identitaet und Vorstellungen nicht verleugnet habe. Ich  
musste mit allen moeglichen Problemen fertigwerden. Im Gefaengnis Malatya  
wurde ich in die Abteilung gesteckt, die von marxistisch-leninistischen  
Gefangenen dominiert wird. Die haben ich nicht akzeptiert. Mir wurde  
gesagt, ich koennte als normaler, unpolitischer Gefangener bleiben, aber  
nicht als Anarchist. Nur die PKK hat mich akzeptiert, unter einer  
Bedingung: ich durfte mit niemand ueber Anarchismus sprechen. Obwohl sie  
mir etwas nachgaben, als ich darauf bestand, haben sie meine  
anarchistische Identitaet nicht anerkannt. Sie waren mir gegenueber  
moderat, weil ich mich in der Vergangenheit im DGM als kurdischer  
Anarchist verteidigen musste. Waere dies nicht so gewesen, dann haetten  
sie mich sicherlich erst gar nicht in ihren Block gelassen. Ich hatte  
keine andere Wahl, als die Verlegung in das Gefaengnis Burdur zu  
beantragen. Dort gibt es 4 andere anarchistische Gefangene. Es gab Leute,  
die hinter Gefaengnismauern vom Anarchismus ueberzeugt wurden. Wie viele  
andere Anarchisten im Gefaengnis haben sie eine linke Vergangenheit. Als  
ich verhaftet worden war, wurde ich gefoltert. Ich hatte Schwierigkeiten  
zu atmen, Leberschmerzen, Probleme mit Augen und Ohren. Vor allem war ich  
schwer traumatisiert. Meine Zelle hatte keine Klimaanlage und meine  
Gesundheit verschlechterte sich immer mehr. Ich bekam Probleme mit dem  
Atmen und fiel manchmal in Ohnmacht. Ich schlug meinen anarchistischen  
Genossen vor, dass wir einen Antrag auf Verlegung in einen Block mit  
Klimaanlage stellen sollten. Sie stimmten zu. Aber die  
Gefaengnisverwaltung verweigerte uns unser Recht. Sie sagten uns, wir  
sollten die Repraesentanten des Gefangenenkomitees ansprechen, das von  
marxistisch-leninistischen Organisationen kontrolliert wird. Ich erklaerte  
denen die Situation. Ich bekam keine aerztliche Behandlung. Ich sprach  
auch mit den Repraesentanten der MLKP (Marxistisch-Leninistische  
Kommunistische Partei) und der PKK und bat sie um Hilfe. Sie regten sich  
auf. Sie verweigerten uns Hilfe, weil wir Anarchisten waren und keine  
"Revolutionaere" seien. Sie sehen uns nicht als Revolutionaere. Sie sagten  
uns, wir sollten keine weiteren Probleme mehr verursachen. Meine Genossen  
und ich diskutierten die Lage. Wir beschlossen, eine Verlegung in ein  
anderes Gefaengnis zu beantragen, wo es keine Marxisten gibt. Ein Freund  
riet mir, ich sollte in einem der politischen Blocks bleiben, bis es mir  
gesundheitlich wieder besser geht. Zuerst lehnte ich dies ab, aber dann  
war ich sehr besorgt, weil ich haeufiger Ohnmachtsanfaelle bekam. Ich  
beschloss, dies den Repraesentanten des Gefangenenkomitees mitzuteilen.  
Die MLKP weigerte sich sofort, mich in ihren Block aufzunehmen. Die PKK  
wollte mich unter einer Bedingung aufnehmen: ich sollte ein "normaler"  
Buerger sein. Ich war sehr verletzt und weigerte mich. Dann schickte das  
Gefangenenkomitee einige meiner Besucher zurueck. Begruendung: wir seien  
keine Revolutionaere (...). Wir wurden an verschiedene Orte verlegt. Ich  
wurde ins Gefaengnis Konya/Ermenek geschickt. Dort war ich cirka 2 Jahre.  
Einige Zeit war ich bei den Trotzkisten untergebracht, weil die auch  
abgelehnt wurden und das Gefangenenkomitee behandelte sie wie uns.  
Schliesslich erkannte ich, wie schwierig es ist, mit Marxisten zu leben.  
Meine eigenen politischen Einstellungen waren der Grund dafuer. Meine  
Gesundheit war in der Einzelhaft gefaehrdet. Ich wurde ins Numune- 
Krankenhaus in Ankara geschickt. Dort konnten sie aber nichts gegen meine  
schweren Kopfschmerzen und meine Ohrerkrankung tun.
(...) Wir Ihr sehen koennt, steht eine schwere Strafe darauf, Anarchist z  
sein. Alle sehen dich als Gegner. Ich denke, darueber sind sich  
Anarchisten sehr bewusst. Ich hoffe, dieser Brief hilft dabei, euch ueber  
die Bedingungen zu informieren, denen Anarchisten in tuerkischen  
Gefaengnissen ausgesetzt sind."

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Uebersetzung: FdA Hamburg, e-mail: i-afd_2@anarch.free.de






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