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(de) Tutte Bianche, Zapatismus und Widerstand in Italien

From desaparecido@gmx.de (el desaparecido)
Date Tue, 12 Dec 2000 22:49:59 -0500 (EST)


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      A - I N F O S  N E W S  S E R V I C E
            http://www.ainfos.ca/
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Die Tutte Bianches, Zapatismus und Widerstandskultur in Italien

Spaetestens seit den Protesten in Prag anlaesslich des IWF/Weltbankgipfels=
 
sind die Bilder der Tutte Bianches, der weiss gekleideten und gepolsterten=
 
AktivistInnen aus Italien, wie ein Mythos um die ganze Welt gegangen.  
Hinter der Aktionsform verbirgt sich eine Suche nach einem 
Befreiungsprozess aus den Zwaengen der kapitalistischen Welt.
=94Wir sind eine Armee von Traeumern, deshalb sind wir unbesiegbar=94 schr=
eiben 
die AktivistInnen auf ihren Transparenten und Broschueren. Nach Prag sind 
fast 900 AktivistInnen aus Italien mit einem Zug, dem Global Express, 
gekommen. Davon haben sich ca. 100 aktiv an der Aktion der Tutte 
Bianches beteiligt. Hinter ihnen, eine grosse Menschenmenge zur 
Unterstuetzung, neben ihnen die Medien der ganzen Welt und vor ihnen die 
Robocops des Staates mit Panzern, Wasserwerfern, Schlagstoecken und 
Pfefferspray. Die sogenannte Demokratie des IWFs und der Weltbank hinter 
Panzer und Gitter.

Der Koerper als Waffe des Zivilen Ungehorsams
=94Wenn die Welt zu verkaufen ist, ist rebellieren selbstverstaendlich=94 

Die Tutte Bianches sind gut ausgeruestet und benutzen dazu hauptsaechlich 
billige Materialien und ihre Kreativitaet: Matratzen, alte Reifen, 
Baustellenhelme, Rettungsjacken, Armpolster aus Isomatten und 
Isolierband, Gasmasken, aber auch Luftballons, Wasserpistolen oder 
selbstgemachte Schutzschilder kann mensch in ihrem Repertoire finden. 
Wieso ? =94 Gegen eine Welt in der das Geld alles regiert, bleiben uns nur=
 
noch unsere Koerper, um gegen die Ungerechtigkeit zu rebellieren=94, meint=
 
Don Vitaliano, ein Pfarrer, der auch unter den Tutte Bianches zu finden is=
t. =94 
Wir sind nicht bewaffnet, wir agieren als Menschen und setzen unsere 
Person ins Spiel. Wir fuerchten uns vor der Polizeigewalt, deshalb schuetz=
en 
wir uns.=94

Diese Aktionsform begann vor knapp einem Jahr in Italien und ueberraschte 
alle durch ihren Erfolg. Im Januar 2000 gab es bundesweite Mobilisierungen=
 
gegen Abschiebeknaeste in Italien. Mehrere zehntausend Menschen sind 
dafuer auf die Stra=DFe gegangen. Die Demonstration gegen den 
Abschiebeknast Via Corelli war ein besonderer Erfolg. Die Tutte Bianches 
hatten ihre Entschlossenheit angekuendigt in den Abschiebeknast 
einzudringen und zu schliessen. Die mehrere Tausend Tutte Bianches 
marschierten vorne und mussten stundenlang Auseinandersetzungen mit der 
Polizei aushalten, bevor diese dann aufgeben musste und die Leute ins 
Lager eindringen konnten.  Abends kuendigte der Innenminister die 
Schliessung von Via Corelli an. 

Die aufgeblasenen Reifen dienen dazu die Schlagstoecke der Robocops 
rueckprallen zu lassen. =94Ueber 150 Traenengaspatronen haben wir bei dies=
er 
Aktion gezaehlt=94 grinst ein junger Aktivist. Die rauchenden Traenengaspa=
tronen 
werden in Kisten oder unter Eimer geworfen, um sie zu neutralisieren. Es 
erinnert an eine Beschreibung Ghandis des zivilen Ungehorsams: =91Feuer mi=
t 
Wasser loeschen=92. 

Seit dem sind Tutte Bianches auf vielen Mobilisierungen zu sehen: 
Antifaschistische Demos, Mobilisierungen gegen den OECD Gipfel in 
Bologna oder gegen die Eroeffnung der Gentechweltausstellung in Genua bei 
der sie bis zum Eingang eingedrungen sind und die Ausstellung zum Fiasko 
und nationalen Debatte gezwungen haben.


Zapatismus, Ya Basta und die Tutte Bianches

Ya Basta ist nicht gleich Tutte Bianches. Tutte Bianches ist hauptsaechlic=
h 
eine Aktionsform und ein Selbstverstaendnis. In ihr erkennen sich 
verschiedene Menschen, Gruppierungen und politische Stroemungen; und 
praegen somit die Gestaltung der Form. 
Ya Basta ist ein Netzwerk von Gruppen, die sich mit dem Aufstand der 
Zapatistas in mehreren Staedten Italiens gebildet haben und  eine der 
politischen Stroemungen die zur Kristallisierung der Tutte Bianches 
beigetragen haben: =94Die Zapatistas haben einen wichtigen Beitrag geleist=
et, 
mit ihren Ideen Politik zu machen, ohne um die Macht zu kaempfen. Wir 
versuchen diese Botschaft zu uebersetzen und unsere eigene Ausdrucksform 
zu finden.=94 

Inspiriert wurden die AktivistInnen, als sie selbst bis in den chiapanekis=
chen 
Dschungel S=FCdmexikos anlaesslich eines interkontinentalen Encuentros 
gereist sind. =94Am Anfang haben wir vorhergehende Formen der Direkten 
Aktion diskutiert, der Sabotage, der revolutionaeren Gewalt usw.  Wir habe=
n 
daraus geschlossen, dass unter den aktuellen Bedingungen der 
Zivilgesellschaft, der Gebrauch unserer Koerper als Waffe die Kraefte 
derjenigen Menschen freisetzen koennte, die zu den alten Formen und 
Schemen nicht geantwortet haben. Es ist eine kreative Form die andere 
Seite in ein Problem mit einzubeziehen. Mit gewaltfreien Mittel der Direkt=
en 
Aktion, bleibt die Sprache der Gewalt auf die Seite der Polizei und des 
Staates.  Klassische Demonstrationen beeindrucken sie nicht mehr, jetzt 
sind wir als BuergerInnen ungehorsam, sie schlagen zurueck, aber wir 
verteidigen uns. Das zieht die Aufmerksamkeit der Menschen und gibt 
unserem Protest Echo=94. 

Diese konfrontative Haltung macht Sinn: das tiefverwurzelte (Selbst)bild d=
es 
Staates als Institution, die die Interessen aller vereint, ist im neoliber=
alen 
Zeitalter stark am broeckeln, in Italien auf jeden Fall frueher als in der=
 BRD. Ein 
offen in Erscheinung tretender Interessengegensatz zwischen legitimen 
Beduerfnissen von BuergerInnen und staatlichen Massnahmen sind eine gute 
Voraussetzung f=FCr emanzipative Prozesse, weg von der Forderung an den 
Staat, sozial abfedernd zu agieren oder oekonomisch steuernd zu 
intervenieren mit dem Anspruch, einen Wohlstand fuer alle zu sichern.
=94Unser Beitrag ist eine radikale Form der Konfrontation, die ueber die 
klassischen Formen der Demonstration hinaus geht und die Moeglichkeit 
einer Massenbeteiligung mit sichereren Methoden ermoeglicht. Junge Leute 
sehen, da=DF der Einsatz ihres vor der Polizei geschuetzten Koerpers klare=
 
Wirkungen hat. Die Bewegung waechst. Wir sind nicht eine politische 
Gruppe, es handelt sich um eine horizontale Bewegung, in der jede Person 
auf ihre besondere Weise zur Debatte und Organisation beitraegt. Alles ist=
 
untereinander verstrickt, es gibt Leute allen Alters. Alte Modelle von 
Avantgarden und Anfuehrer sind vorbei.=94

In einem Flugblatt schreiben sie: =94Wir haben uns eine neue Herausforderu=
ng 
gesetzt: aus dem Boden zu spriessen, um uns auf diese Weise in den 
Aufbau der Gesellschaft einzubringen, um die Selbstverwaltung und 
Selbstorganisation zu foerdern, die in den letzten Jahren aufgebaut wurde.=
  
Wir wollen uns vom Widerstand in eine Offensive bewegen, hin in die Arena 
der Traeume, der Rechte, der Freiheit, f=FCr die Eroberung der Zukunft, di=
e heute 
den neuen Generationen verweigert wird=94.

Wie die Zapatistas erkennt Ya Basta, dass die Befreiungsprozesse 
notwendigerweise kontinuierlich in Frage gestellt und neu definiert werden=
 
muessen . =94Wir gehen mit Fragen auf unseren Lippen=94, sagen sie, =94 ni=
cht mit 
Befreiungsstrategien, die als absolute Wahrheit festgelegt werden. Diese 
Tabus, die die Bewegungen der Vergangenheit charakterisiert haben, 
muessen hinter uns gelassen werden=94.


Die Rolle der Kommunikation: Die Unsichtbaren sichtbar machen

Die weissen Overalls werden als Symbol der Unsichtbarkeit getragen, als 
Idee der =91nicht-Identit=E4t=92 (siehe =91sans papiers=92). Die Aktionsfo=
rm hat eine stark 
symbolische Wirkung und kommunikative Staerke. Fuer sie entspricht der 
Aufbau einer Gesellschaft der Praxis einer sicheren Identitaet, aber mit 
offenen Beziehungen. Sie versuchen viele anzusprechen und in den Konflikt 
mit einzubeziehen, dazu wollen sie =94Kommunikationsraeume erobern=94. 


Organisation und =91Centri Soziale=92

Organisisiert sind die AktivistInnen zum groessten Teil in ihren =91sozial=
en 
Zentren=92, besetzte und selbstverwaltete Haeuser oder Gelaende, die in vi=
elen 
Staedten zu finden sind. Wie schon erwaehnt, findet mensch hier Leute, die=
 
sich zu Ya Basta zaehlen oder nur zum sozialen Zentrum oder beides. Auf 
der Strasse sind aber alle unter =91Tutte Bianches=92 zu finden. Der wohl =
groesste 
und beeindruckendste Centro Soziale ist der Leoncavallo in Mailand, der ei=
ne 
lange Widerstandsgeschichte hat.  Das Gelaende ist enorm: mehrere Raeume, 
Cafes, Buehnen, eine Kantine, ein Buchladen, Buero- und Plenumsraeume, ein=
 
Konzertraum in dem Konzerte f=FCr 5000 Leute veranstaltet werden koennen 
und noch viel mehr. Alles selbstverwaltet. Auffaellig ist, das mensch nich=
t nur 
junge Leute sieht, sondern alle Generationen. Eine Kontinuitaet in der 
Widerstandsgeschichte ist spuerbar. Eine aeltere Frau, die hier als =91la =
madre=92 
vorgestellt wird, erzaehlt Geschichten: unter anderem, wie sie in Argentin=
ien 
war und die =91madres de la plaza de mayo =91getroffen hat. Sie sagt, dass=
 ueber 
1000 Gerichtsverfahren gegen ca. 200 Leute aus dem Centro Soziale am 
laufen sind, dass sich aber alle kollektiv den Ermittlungen entgegenstelle=
n. 
=94Wir machen weiter=94, sagt sie mit einem strahlenden Laecheln, waehrend=
 sie 
die Kippenfilter von einer Veranstaltung wegfegt. Sie scheint jede und jed=
en 
im Haus zu kennen. 
Die Centri Soziale sind alle untereinander vernetzt und mobilisieren oft 
gemeinsam, wie z.B. nach Prag. In jedem Centro Soziale bestehen kleine 
Bezugsgruppen, die bestimmte Rollen in der Aktion der Tutte Biaches ueben 
und sich Gedanken zur Schutzkleidung machen.


Gruene Zuege

Eines der Erfolge der Italienischen AktivistInnen ist es, mit sogenannten 
=91Gruenen Zuegen=92 zu Proteste reisen zu koennen. Erkaempft haben sie si=
ch 
dieses Recht durch Direkte Aktion. Die Ueberlegung ist unkompliziert: =94W=
ir 
wollen dort protestieren, wo sich die Macht konzentriert und viele sich 
gemeinsam artikulieren wollen. Wir sehen es als legitim an, dorthin mit 
oeffentlichem Transport billig oder umsonst reisen zu duerfen.=94 Die 
AktivistInnen 
verhandeln mit der Bahn ueber einen Zug. Die Leute die mitfahren, koennen 
nach Selbsteinschaetzung einen Beitrag zahlen oder auch nicht, das Geld 
wird dann an die Bahn gegeben. In anderen Laendern wie Frankreich und die 
Niederlande hat die Idee auch schon Fu=DF gefasst. Der Transport ist inner=
halb 
Italien immer erfolgreich, nach anderen europaeischen Staedten manchmal 
problematisch wie zuletzt nach Nizza, wo der Global Express von der 
franzoesischen Armee und den CRS angehalten wurde.


Perspektiven

Die Tutte Bianches sind gerade dabei, ihre Aktionsform auf =91internationa=
len 
Buehnen=92 wie Prag, Nizza (gescheitert) und Davos vorzustellen. Sie gewin=
nen 
an Dynamik und Unterstuetzung. Die Aktionsform greift auch schon auf 
andere Laender ueber. In Spanien sind kurz nach Prag im Rahmen von den 
Antirepressionsaktionen gegen den tschechischen Staat auch weiss 
gepanzerte Menschen auf den Stra=DFen von Madrid zu sehen gewesen. 
Englische Reclaim-the-Streets-AktivistInnen haben schon ueberlegt, ganz 
durchsichtige Ruestungen zu bauen, in denen nackte Frauen auf die Polizei 
losgehen - um die Polizisten mit der Idee zu konfrontieren, eine nackte Fr=
au 
zu schlagen - und die Ruestungen mit kleinen drahtlosen Kameras 
auszuruesten, die dann die Bilder aus ihrer Sicht live ins Internet einspe=
isen. 
Was auf jeden Fall deutlich wird ist, dass die Aktionsform ausgebaut werde=
n 
kann und dass mehr Menschen sich sie aneignen koennen. 

Im Juni 2001 tagt der G7 in Genua, und mit anderen Italienischen 
Gruppierungen haben sie auch dort vor Praesenz zu zeigen. Offizielle Aufru=
fe 
gibt es bislang noch nicht, aber viele europaeische AktivistInnen wissen s=
chon 
laengst Bescheid. =91Wenn die ItalienerInnen sich gut anlegen, koennen die=
 das 
ganze Land blockieren=92, meinte ein Aktivist in Prag. Ob das stimmt, werd=
en 
wir ja sehen. Im Fruehjahr findet in Mailand ein europaeisches Encuentro 
(Treffen) statt, zu dem Ya Basta und Reclaim the Streets aufrufen. Dort 
sollen weitere Schritte in der europaeischen Vernetzung und in der 
inhaltlichen Auseinandersetzung diskutiert werden.

el desaparecido

Quellen:
- Artikel von Jess Ramrez Cuevas in La Jornada (Mexiko) =94der Koerper als=
 
Waffe des Zivilen Ungehorsams=94- Oktober 2000 

- =91Das Zeitalter der Klandestinitaet=94 - Gedanken und Aktionen von Ya B=
asta 
vorgeschlagen.

Kontakt: Associazione Ya Basta ! For peoples dignity and against
neoliberalism CSOA Leonkavallo, Via Watteau 7, 20125 Milano, Italien
www.yabasta.it  oder www.ecn.org/yabasta.milano








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